Montag, Mai 20, 2024
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Die Schlieremer «Bernoulli-Häuser»

Ein bisschen wie aus der Zeit gefallen kommen einem die 27 Häuschen gegenüber dem Post-Betriebsgebäude Mülligen vor, wenn man an ihnen vorbeirollt. Aber hinter ihnen steckt eine durchaus aktuelle Geschichte. Sie erzählt, dass die Leute bei ihrem Bau vor fast 100 Jahren ähnliche Sorgen hatten wie wir heute.

Sie sind nicht gross, diese Häuschen an der Zürcherstrasse 126-144 und Hüblerweg 1-26; die Grundfläche ist gerade mal etwa 48 m2. Sie drängen sich in 6er- oder 4er-Gruppen aneinander, wie Küken, die sich vor Gefahren ducken. Erbaut wurden die 28 Einheiten um 1926, zu einer Zeit, als die Arbeitslosigkeit gross war und die Wirtschaft darnieder lag. Eigentlich sind sie ein Baudenkmal.

Architekt, Erbauer und auch Verkäufer war ein in seiner Heimat bekannter Architekt, der Basler Paul Rickert. Wie kam es dazu? Und wie haben diese Häuschen es geschafft, all die Jahre zu überstehen?

Eine revolutionäre Idee: Gartenstadt und Genossenschaftsbauten
Der Basler Architekt Hans Bernoulli (1876-1959) übernahm Ideen des Engländers Ebenezer Howard, welcher mit der Gartenstadt die schlechten Bau- und Lebensverhältnisse, die städtische Verdichtung und die steigenden Grundstückpreise mit genossenschaftlichem Wohnen bekämpfen wollte. Dazu gehörte immer ein Garten zur teilweisen Selbstversorgung. Es wurden in England und Deutschland eine grosse Zahl solcher Trabantenstädte gebaut (z.B. Welwyn Garden City usw.). Spekulationsgewinne bei Umwandlung von Agrarland in Bauland sollten der Allgemeinheit zugutekommen und für neue Bauten genützt werden. Der Boden selbst verbleibt nach diesem Modell im genossenschaftlichen Gemeinbesitz und wird nur in Erbpacht verliehen. Stichwort damals: «Grund und Boden der Stadt, Hausbesitz den Privaten».

Idylle mit dem Postbetriebsgebäude als mächtigem Hintergrund

Das sind recht revolutionäre Gedanken. Der Basler Architekt und spätere ETH-Professor Hans Bernoulli (1876 -1959) übernahm diese Ideen. An vielen Orten, so auch in Zürich (z.B. die «Bernoulli-Häuser» an der Hardturmstrasse) wurden sie teilweise verwirklicht. Immerhin galt es, «Familien, die bisher auf Mietwohnungen angewiesen waren, für einen relativ niedrigen Kaufpreis ein eigenes Haus mit grossem Garten anzubieten». Genau so hat es auch der Basler Architekt Paul Rickert formuliert.

Wie kommt ein Basler Architekt nach Schlieren?
Paul Rickert (1875-1953) hatte in Stuttgart an der dortigen Technischen Hochschule studiert und leitete in den späten 1920er-Jahren in Basel am Spalenberg 65 ein Architekturbüro, zusammen mit Hermann Baur. Dieser war ein Schüler Bernoullis und auch Rickert muss mit diesem zusammengearbeitet haben. Viel wissen wir leider nicht von ihm, in der Familie traf ihn viel Unglück und sie ist fast ausgestorben. Seit 1904 hatte er in der Region Basel mehrere Projekte durchgeführt. Warum er ausgerechnet in Schlieren eine für die damalige Zeit grosse Überbauung realisierte, ist unklar. Jedenfalls wurde das Land (immerhin 6’260 m2) 1928 von der Schweizerischen Volksbank Wetzikon auf ihn übertragen. Diese hatte es sieben Jahre vorher nicht von einem Schlieremer Landwirt, sondern aus einer konkursamtlichen Steigerung von den Vorbesitzern (Eduard Baltischwiler von Zollikon und Johann Rebmann von Altdorf) übernommen. Die Umstände sind nicht bekannt.

Landauf, landab wurden also Genossenschaftsbauten errichtet, z.B. in St. Gallen, Winterthur oder Basel. Bernoulli baute ab 1924 seine heute so berühmte Siedlung an der Hardturmstrasse. Rickert wird in diesem Zusammenhang die Gelegenheit benützt haben, ein Projekt zu entwickeln im «Speckgürtel» des wachsenden Zürichs. Von dem «prachtvoll gelegenen Bauterrain an der Tramlinie» (Zitat Rickert) mag er in Gesprächen von Kollegen gehört haben – die Welt der Architekten war eine kleine und übersichtliche. Das Gelände war übrigens vor der Überbauung eine Kiesgrube.

Skizze von Pul Rickert, 1926

Soziale Pläne
Was wollte Rickert bauen? Ziel war eindeutig der untere Mittelstand. In seinem teilweise erhaltenen Bauprospekt erwähnt er die bewährte Konstruktion mit Vorplatz, den Keller in Stampfbeton, das Mauerwerk in Backstein, die Fenster in Föhrenholz – alles in «bewährter Konstruktion und solidem Material». Die ersten Häuschen (das sind die 6er-Gruppen entlang der Zürcherstrasse) wurden für rund 9’500 Franken bei der Gebäudeversicherung angemeldet. Das Baugeschäft Wilhelm Halter aus Altstetten (heute Halter AG, Schlieren) erstellte ab 1925 die Rohbauten; Handwerker kamen zum Teil aus dem Raum Basel. So wurden etwa Ziegel aus der Allschwiler Ziegelei verwendet. Ab 1925 wurden die Häuschen von Rickert für etwa 25’000 Franken an Handwerker, Magaziner, Wirte usw. verkauft, also durchaus im angestrebten Sinne an Angehörige des Mittelstandes. An der Strassenfront gab es sogar ein Quartierlädeli. Längst aufgehoben, wurde es um 1970 abgebrochen, im Zusammenhang mit der nie verwirklichten U-Bahn.

1926: Schlieren will nicht verdichten
Zurück zum Bau. Das Geschäft lief gut, und Rickert gab 1926 ein Baugesuch für eine zweite Etappe mit 24 Häuschen im gleichen Stil ein. Sie waren als Fortsetzung gegen Zürich hin geplant, eine architektonische Einheit. Es hätte zwei weitere Achter-Blocks gegeben und zwei Vierer-Gruppen, welche zusammen wieder einen Hof gebildet hätten. Damit lief er aber auf. Die Baukommission schrieb, in Schlieren gelte gemäss Bauordnung das Prinzip einer «offenen Bauweise». Heute würde man das wohl anders sehen… Der Gemeinderat habe im Sinne einer Ausnahmebewilligung und in Anbetracht der Wohnungsnot die engen Sechsergruppen der ersten Etappe bewilligt. «Es hat sich aber gezeigt, dass sich das Gesamtbild nicht verschönert, sondern verschlechtert. Es muss daher mit der Erstellung von Reihenhäusern mit einer solch grossen Anzahl Einheiten aufgehört werden.» (Wer Vergleiche mit den neueren Überbauungen anstellen will, mag das tun).

Rickert erhielt nur die Bewilligung für höchstens je drei Häuschen. (Gemeindepräsident Jean Wismer war anderer Meinung, wurde aber überstimmt). Ein Rekurs beim Bezirksrat und ein Wiedererwägungsgesuch beim Gemeinderat brachte keinen Erfolg; der Entscheid lag im Ermessen der Behörden. In der Folge gab Rickert 1927 den Plan für die zweite Etappe als aussichtslos auf.

Heimat zwischen Hauptstrasse und Bahnlinie

Wie überlebten die Häuschen?
Wie eingangs erwähnt, wirken die Häuschen als Relikt aus alten Zeiten, und man kann sich schon fragen, warum sie eigentlich überlebt haben. Viele jüngere und prätentiösere Gebäude wurden in den letzten Jahren ja abgebrochen und durch voluminösere, dichter bebaute Einheiten ersetzt.

Ein Grund liegt wohl in der Kleinteiligkeit. Eine Neu-Überbauung des Gebietes würde voraussetzen, dass jede einzelne Besitzerin, jeder einzelne Besitzer eines der Häuschen zum einen verkaufsbereit wäre und zum andern entschädigt würde. Ein zeitaufwendiges, kostspieliges Verfahren! So kommt es, dass 27 der Häuschen seit fast 100 Jahren dem Zeitenlauf trotzen. Nur eines wurde um 1970 im Hinblick auf die (nicht verwirklichten) U-Bahn-Pläne abgebrochen.

Geblieben ist eine Gartensiedlung. Die Häuschen sind gut unterhalten, jedes individuell gemäss modernen Bedürfnissen umgestaltet und modernisiert. Von der geschäftigen Zürcherstrasse her (mit dem fast erdrückenden Postbetriebsgebäude) würde man die versteckte Idylle nicht erwarten. Aber bis zur südlichen Bahnlinie hin erstrecken sich Schrebergärten, es wird sogar Kleinvieh gehalten.

Ein Quartier wehrt sich: «Wir mussten immer kämpfen»
Die Bewohner dieser Häuschen einte aber immer ein Faktor: Vom Standpunkt des Dorfes her lagen die Häuschen immer etwas am Rande. Die Anliegen der Bewohner wurden nicht immer ernst genommen, auch von den Behörden nicht. Sie mussten sich wehren und zusammenstehen, zum Beispiel im Zusammenhang mit den nie verwirklichten U-Bahn-Plänen. In der Euphorie der 70er-Jahren hätte die Schulstrasse verlängert werden sollen. Die Verkehrsachse parallel zur Zürcherstrasse hätte das Quartier zerschnitten und wohl üble Auswirkungen bis ins Dorfzentrum gebracht. Schon vorher stand eine Verlängerung der Rauti-Strasse (von Altstetten her, vorbei an der Pestalozzi-Stiftung) zur Diskussion. Es war eine Auffahrt mitten in der – sowieso überdimensionierten – Zürcherstrasse geplant, mehrere der Häuschen hätten abgerissen werden müssen. Zu diesem Zweck hatte der Kanton vorsorglich sogar eines der Häuschen gekauft. Das Quartier bangte um seine Lebensqualität. Christa Welti wohnt seit über 70 Jahren im Quartier und sagt, sie hätten sich oftmals «zuerst alls Mülliger und dann erst als Schlieremer» gefühlt. Zum Zusammenhalt und Verwurzelung der Menschen im Quartier gehörten auch die Feste und Vereinsreisen.

Dass all diese Pläne aus den euphorischen 70er-Jahren nicht verwirklicht wurden, ist u.a. Verdienst des 1973 gegründeten Quartiervereins, auch die Beibehaltung der schützenden Bauzone W2. Der Quartierverein entwickelt seit vielen Jahren eine gewisse Ausstrahlungskraft in Schlieren, besonders auch politisch im Gemeinderat. Schon von Anfang an machten natürlich die allermeisten Quartierbewohner mit, aber auch die Familie des Landwirts Haller jenseits des Pestalozziweges unterstützte den Kampf und gehörte zu den Gründungsmitgliedern.

ein kleines eigenes Reich

Parallelen heute – damals
Ähnlich wie heute herrschte vor 100 Jahren Wohnungsnot; ganz gleich wie heute war es für die Mittelschicht fast unmöglich, Grundbesitz zu erwerben. Und das Ziel der Verdichtung wollten auch Bernoulli und Rickert erreichen – einfach nicht mit Bauten in die Höhe, sondern durch die sparsame Ausnützung des Bodens in der Fläche. Tiny Houses und Mikro-Häuser lassen grüssen.

So gesehen: Ganz modern! Und so wünschen wir den 27 Aufrechten viele weitere, muntere Jahre.

Quellen und Illustrationen:
– mündliche Berichte und Dokumente der Anwohner
– Grundbuchamt Schlieren
– Archiv Ph. Meier,
– gta-Archiv der ETH Zürich
– Protokolle Baubehörde und Gemeinderat

Text: Philipp Meier / Illustrationen: Philipp Meier

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