Donnerstag, Juni 13, 2024
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Ein Naherholungsgebiet mit Geschichte

Der Schlierenberg: Er war in alten Zeiten an der Hauptstrasse gelegen, lag dann am Rande und wurde nur zögerlich besiedelt. Später war er umstritten, heute ist er ein unschätzbares Erholungsgebiet.

Wer heute den beliebten Spaziergang über den Schlierenberg macht, wird sich erfreuen an der ungewohnten Weite, den Feldern und dem Wald. Vielleicht macht er sich auch Gedanken, warum dieses Gebiet nicht überbaut, sondern glücklicherweise erhalten geblieben ist. Auf den ersten Blick erstaunlich – führte doch der Weg nach Zürich bis weit ins 19. Jahrhundert hinein hier durch. Der Name «alter Zürichweg» erinnert heute noch daran. Die alte Römerstrasse führte von Windisch über Baden, Dietikon und den Schlierenberg nach Altstetten. Es gibt auch Spuren römischer Besiedelung (untergegangene römische Gutshöfe, einer auf Schlieremer Gebiet). Die neuzeitliche bäuerliche Besiedelung setzte erst spät, im 18. Jahrhundert ein. Auf diese werden wir in späteren Beiträgen eingehen.

Alte Verkehrswege
Die Abhänge (Gyrhalde, Steinacher, Gugel) waren bis in die 1890er-Jahre mit Reben besetzt. Dann fiel aber der Weinbau aus verschiedenen Gründen zusammen: Die eingeschleppte Reblaus und das Klima machten ihm den Garaus. Der Wein wird auch nicht so besonders gewesen sein; der hiesige Flurname «Flöhreben» tönt nicht so fruchtig. Das übrige Gebiet «im Berg» war lange Zeit ein Sumpf und landwirtschaftlich von wenig Nutzen – es war Streuland. Die Namen «Kilchbühlmoos» und «Grosses Moos» z.B. auf der Wildkarte von 1851 weisen darauf hin. Im Frühjahr entstand jeweils ein See, auf dem die Kinder Schlittschuh liefen. Um 1938 wurde die Ebene drainiert.

Fürs Erste lassen wir nun die bäuerliche Besiedelung beiseite und werfen einen Blick auf die «bürgerliche» südlich der Ämtler-Bahnlinie (Altstetten–Urdorf).

Eine zukunftsträchtige, attraktive Wohnlage: Gugel und Schlierenberg
Abgesehen von den bäuerlichen Gehöften, mehr oder weniger längs des alten Zürichweges, blieb der «Berg» lange Zeit unverbaut. Die Entwicklung des Dorfes fand in der Ebene statt. Der ehemals bäuerliche Dorfkern wurde im 20. Jahrhundert, im Gleichtakt mit der zunehmenden Industrialisierung, in alle Richtungen erweitert.

Die «bürgerliche» Bebauung auf dem «Berg» setzte eigentlich erst im 20. Jahrhundert ein. Ab 1893 konnten Zürcher Gemeinden Gebiete mit städtischen Verhältnissen dem kantonalen Baugesetz unterstellen, um einer wilden Überbauung vorzubeugen. Noch während des Ersten Weltkrieges unterstellte der Schlieremer Gemeinderat das Gebiet südlich der Ämtler Bahnlinie diesem Baugesetz, denn «…es ist ein sonniges Hochplateau, die Erschliessung mit der Trinkwasserversorgung sowie der elektrischen Beleuchtung ist im Gange. Nach dem Krieg wird ein Aufschwung erwartet…» Es versteht sich, dass da auch wirtschaftliche Interessen dahinterstanden: Manch einer wird sein bis anhin fast wertloses Riedland schon als Bauland gesehen und ein Geschäft gewittert haben. Goldrausch in Schlieren – nicht der letzte…

Der Boom liess aber noch auf sich warten. Der Alte Zürichweg blieb noch lange ein Weg, nicht asphaltiert. Ein einsames, bescheidenes Gebäude am Fuss des Gugels, alter Zürichweg 33, war das erste: Ein Jakob Meier, Schuster aus Zürich, hatte es im Jahr 1897 errichtet, später wohnte die Familie Stucker drin. Ebenso bescheiden war das Häuschen von Hans Salzmann, grad nach der Bahnunterführung, etwa auf der Höhe des Alten Zürichwegs 10. Beide stehen nicht mehr.

Repräsentative Bauten in Krisenzeiten
Es dauerte nun noch bis Ende der 20er-Jahre, ehe die erhoffte Überbauung am Alten Zürichweg einsetzte. Zuerst, 1926, folgte das Haus Huber/Salzmann; abgebrochen um 1970 für die Terrassenhäuser Nr. 12. Nun ging es Schlag auf Schlag mit stolzen Bauten, die eigentlich gar nicht so recht in die Zeit der Weltwirtschaftskrise passen. Sie stehen noch heute, alle erbaut um 1930 herum. Es sind die wohlproportionierten Villen von Karl Füchslin, Wagi-Direktor (später Maier) Nr. 32, Ing. Baumann (später Hintermann) Nr. 8, Jakob Lemp («Bergsonne») Nr. 16. Ihnen widmen wir uns später. Die Erbauer müssen in guten wirtschaftlichen Verhältnissen gewesen sein.

Haus Meier / Stucker ca. 1960. Im Hintergrund: Villa Böhringer.

Das wohl auffälligste Gebäude ist sicher die Nr. 35, genau auf der Krete des Gugels. Es ist die Villa «Böhringer», und diesem wunderschönen Haus, das seine Umgebung so wirkungsvoll beherrscht, und seinem Erbauer wollen wir uns jetzt zuwenden.

An allerbester Lage: Die Villa Böhringer auf dem «Gugel»
Der Gugel ist eine einmalige Lage: Rundumsicht auf 360°. Aber diese Lage ist eigentlich heikel – Kreten und Berggipfel sollten nach heutiger Auffassung nicht überbaut werden. Zur Zeit des Baues, 1931, legte man die Gewichte anders, und der «Berg» war Bauzone. Karl Eduard (genannt Edi) Böhringer, 1890–1978, Gemeinderatsschreiber von 1911–1955, hatte das Land erwerben können von einem Emil Fuhrer in Oberurdorf und Hans-Rudolf Haller aus Schlieren. Böhringers Freude muss gross gewesen sein; diese wahrhaft königliche Lage war unübertrefflich. Architekt war der Schlieremer Hans Kappeler; er plante das Landhaus so, dass das Bodenständige des Heimatstils noch erkennbar ist, z.B. am Walmdach und den ausgeprägten Untersichten. Aber auch Elemente der neuen Sachlichkeit und des kommenden Landi-Stils sind schon vorhanden. Kappeler hat u.a. auch das Epple-Haus an der Schulstrasse 13 entworfen und den später verschobenen Bau Badenerstrasse 5.

Villa Böhringer um 1932.

Ursprünglich stammte Böhringers Familie aus Wiedikon und Weiningen; der Vater war Hafner. Edi machte 1906–1909 die Lehre auf der Gemeindeverwaltung Schlieren, wohnte dabei bei Gemeindepräsident Wismer. Damals gab es noch kein Gemeinde- oder Stadthaus; sein Arbeitsplatz befand sich im alten Schulhaus an der Badenerstrasse und später im sog. «Alten Gemeindehaus» an der Zürcherstrasse 13. So arbeitete er von 1911–1955 sage und schreibe 44 Jahre lang (!!) als Gemeinderatsschreiber und diente so den Gemeindepräsidenten Wismer, Meyer, Glaser und Gurtner. Der junge Mann erwies sich als tüchtig und geschäftig: Er erwarb für seine Familie schon 1914 einen Hausteil an der Zürcherstrasse 18 (nebenan das Milchgeschäft Schnüriger) und heiratete im gleichen Jahr Martha Haug aus Weiningen.

Böhringer hatte eine grosse Anzahl an Ämtern inne und dementsprechend grosse Verdienste. So war er Verwalter und Kassier der Holzkorporation, Sektionschef, während des Zweiten Weltkrieges Ortskommandant des Zivilschutzes und Kommandant (Hauptmann) der Luftschutzkompanie Schlieren. Daneben war er Sekretär der Gesundheitskommission, des Wahlbüros. 1935 wurde er sogar international tätig: Für den Völkerbund war er Vorsitzender eines Wahlausschusses in der damaligen Saar-Abstimmung, einer von 10 Delegierten des Kantons Zürich. Neben der Ehre wird ihm wohl ein gemischter Eindruck geblieben sein, denn das Saarland erlebte eine wahre Propaganda-Walze der Nazis (und stimmte denn auch zu 90 Prozent für eine Rückkehr ins Deutsche Reich).

«Zwing-Uri» in Schlieren
Wenn man so eine «Graue Eminenz» ist, wie der Gemeinderatsschreiber, hat man in so einem Dorf eine besondere Stellung: Man weiss alles und zieht da und dort die Fäden, vermittelt auch Geschäfte, ist Anlaufstelle für vieles. So kam Böhringer auch zum Bauland auf dem Gugel: Ein Auslandschweizer betrat eines Tages sein Büro und erklärte, er habe in Schlieren bauen wollen – aber er brauche jetzt Geld für seine Söhne, die studieren wollten. Ob der Gemeindeschreiber nicht jemanden wüsste, der…? Es handelte sich um eben die Parzelle auf dem Gugel – und der Handel kam schnell zustande!

Trompeter-Rekrut Böhringer 1910.

Natürlich hat so ein «Dorfkönig» auch seine Neider. Der Volksmund hat da oft ein feines Gespür: Hinter vorgehaltener Hand nannte man den weithin sichtbaren Landsitz halb-spöttisch, halb-zähneknirschend «Zwing-Uri», dies nach den Ruinen der Burg bei Silenen, welche gemäss den Freiheitssagen eine zentrale Rolle einnahm. Sogar der damalige Kantonsrat Alfred Hug, Lilien-Wirt, soll sich bei Tisch jedenfalls so gesetzt haben, dass er nicht dauernd «am Böhringer sini Hütte» anschauen musste. Für Böhringer, den wir heute als «Patriarchen» bezeichnen würden, muss das aber schon seine Richtigkeit gehabt haben: Sein Haus war keine Burg, aber stolzer Ausdruck des Erreichten.

Der Trompeter von Schlieren
Vielen älteren Schlieremern ist er auch als Trompeter in Erinnerung geblieben. Er wuchs in Weiningen auf und besuchte schon als Bub (zu Fuss!) den Unterricht bei einem Musiklehrer Porr in Urdorf. Während des Aktivdienstes im Ersten Weltkrieg wurde der Trompeter Böhringer Wachtmeister, und zwar in Courgenay (vielleicht hat er Gilberte vom berühmten Film gesehen?). Wo auch immer er war – die Trompete war immer dabei. An Sonntagen oder manchmal abends spielte er einige Stücke aus dem offenen Fenster Richtung Dorf. Ein unbekannter Anhänger schrieb um 1935 im Lokalblatt:

Des Abends, oft des Morgens schon
Vom Schlierer Gubel schallt
Ein klingender Trompetenton
Der überm Dorf verhallt.

Wir grüssen Dich vieltausendmal
Du Musikfreund vom Gubel
Der Du die Herzen allzumal
Erfreust mit Deinem Jubel

Bis 2012 blieb die Villa in Familienhand. Schön, dass sie durch die gegenwärtigen Eigentümer erhalten bleibt und nicht einfach durch ein weiteres Terrassenhaus ersetzt wird. 

Text und Bilder: Philipp Meier

Quellen: Informationen Staatsarchiv Zürich, Walter und Vreni Böhringer,
Peter Ringger, Peter und Trudi Hubmann, Jahrheft 2017 Peter Voser

Gemeindeschreiber Böhringer. Vor der Pensionierung ca. 1955.
Hauptmann Böhringer im «Feld». (Zivilschutzübung mit dem Kommandoposten auf dem Bauernhof Schneiter, um 1942).

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