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Eine andere Welt

Quartier
September 2017

Was den Zürchern der Zürichberg ist den Schlieremern der Schlieremer Berg. Dieser ist jedoch mehr als nur der Wohnhügel der Reichen. Er ist auch Landwirtschaftszone und Naherholungsgebiet.

 

Der Schlieremer Berg umfasst das Gebiet südlich der Bahnlinie Zürich-Altstetten-Urdorf-Zug zwischen Uitikonerstrasse im Westen und der Grenze zur Stadt Zürich im Osten. Verkehrsmässig erschlossen wird das Quartier hauptsächlich durch den Alten Zürichweg. Dieser hat eine lange Vorgeschichte: Vor 2000 Jahren hatten hier die Römer ihre Strasse von Turicum (Zürich) nach Vindonissa (Windisch) angelegt. Heute benutzen die verkehrsberuhigte Strasse vor allem Velopendler, die auf dem Weg zur Arbeit nach Zürich sind. An Wochenenden ist die Strasse Flaniermeile für die Bevölkerung Schlierens und Altstettens.

 

Wer von der Uitikonerstrasse herkommend den Alten Zürichweg hinaufläuft oder –fährt, verlässt nach ein paar hundert Metern die Stadt und kommt in «eine andere Welt», wie Myrtha Rütschi sagt. Die Bäuerin lebt seit gut fünfzig Jahren auf dem Schlieremer Berg. Dieser ist laut Rütschi «Natur pur»: ein weites Hochplateau mit grossen Feldern und ein paar Bauernhäusern. Hier kann man am Morgen und am Abend bei schönem Wetter wunderbare Sonnenauf- und untergänge beobachten.

 

Saurer Wein

Früher gab es auf dem Schlieremer Berg ein Moor. Dessen Wasser wurde im Winter gestaut, so dass sich ein Weiher bildete, der bei kaltem Wetter gefror und von den Schlieremern zum Eislaufen benutzt wurde. Auch eine Kiesgrube befand sich in diesem Gebiet. Sie wurde in den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts genutzt, als es galt, die Rampen der Überführung Engstringerstrasse beim Bahnhof Schlieren aufzuschütten. Bis ungefähr 1880 waren Steinacker, Gyrhalde und Chilpel – Teile des Schlieremer Bergs – Kernstücke eines grossen Rebgeländes. Der Schlieremer Wein soll aber ziemlich sauer gewesen sein, weiss Rütschi. Noch heute gibt es südlich der Gyrhalde einen kleinen Rebberg.

 

Heute wird das Hochplateau vor allem landwirtschaftlich genutzt. Drei Bauern – darunter die Rütschis – betreiben hier Viehwirtschaft sowie Acker- und Obstbau. Wer will, kann hier Milch, Äpfel und andere landwirtschaftliche Produkte frisch ab Hof kaufen. Ein Anziehungspunkt für Familien mit Kindern, aber auch für ganze Schulklassen sind die vielen Tiere, die auf den Höfen zu sehen sind.

 

Der Schlieremer Berg ist aber auch Naherholungsgebiet. Schlieremer oder Altstettener joggen oder spazieren hier. Am Waldrand beim Alten Reitplatz – auf der Karte heisst der Ort Hanenbüel – befindet sich ein Spielplatz mit Grillstelle. An Wochenenden feiern hier bei schönem Wetter junge Leute bis in den Morgen hinein Freiluftpartys – und hinterlassen zum Ärger der Bewohner und übrigen Besucher des Schlieremer Bergs oft eine ziemliche Sauordnung.

 

Weite Wege

Im 19. Jahrhundert standen am Alten Zürichweg nur Bauernhäuser. Ab 1900 kamen dann auch Wohnhäuser dazu. In den Dreissigerjahren baute der damalige Gemeindeschreiber Böhringer seinen Wohnsitz auf dem markantesten Punkt von Schlieren mit freiem Blick auf das ganze Limmattal. Von dort spielte er während über vierzig Jahren mit seiner Trompete an schönen Abenden oder Sonntagen wunderbare Melodien. Später kamen noch die Häuser von Baumeister Lemp und Wagi-Direktor Füchslin sowie seinem Betriebsleiter und Gemeinderat Baumann dazu. Die heutigen Gebäude in der Gyrhalde und im Chilpel wurden nach 1965 erstellt. Im unteren Teil des Alten Zürichwegs dominieren Blocks und Mehrfamilienhäuser, auf dem Plateau Einfamilienhäuser.  

 

Wer auf dem Schlieremer Berg zu Hause ist, muss weite Wege gehen. Läden und Schulen gibt es nicht; die befinden sich «unten im Dorf», wie Rütschi sagt. Auch ein Anschluss an den öffentlichen Verkehr fehlt. Mit der geplanten Einführung der Buslinie Schlieren–Uitikon soll jetzt aber wenigstens an der Einmündung des Alten Zürichwegs in die Uitikonerstrasse eine Haltestelle entstehen. Trotzdem: «Die Lebensqualität hier oben ist gut», sagt Rütschi. «Man ist auf dem Land und doch nahe der Stadt.»

 

Text und Fotos: Martin Gollmer

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