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Freizeitaktivität im Einklang mit der Natur

Die Familiengärten im Betschenrohr sind eine Idylle. Friedlich in einem Verein zusammengeschlossen, pflanzen hier Schweizer und Ausländer Gemüse, ziehen Blumen hoch oder Grillieren mit Freunden vor dem Gartenhäuschen, um sich vom Alltagsstress zu erholen. Doch die Idylle ist bedroht. Die geplante Renaturierung der benachbarten Limmat könnte zumindest für einen Teil der Familiengärten das Aus bedeuten.

 

Der Familiengartenverein Betschenrohr verwaltet im Namen der Eigentümergemeinden Schlieren und Untereng­stringen das Areal Betschenrohr im Gebiet Lachern im Norden Schlierens. Auf dem Areal befinden sich rund 340 Gartenparzellen. Die durchschnittliche Grösse einer Parzelle beträgt rund 2 Aren (10 × 20 Meter). Als Vereinsmitglied ist man gleichzeitig auch Pächter einer Parzelle. Die Kleingärten werden an Einwohner der Eigentümergemeinden verpachtet.

 

Der Verein blickt mittlerweile auf eine rund 40-jährige Tradition zurück. Das Gartenareal selbst hat aber noch einige Jahrzehnte mehr auf dem Buckel. Nach der Kanalisierung der Limmat am Ende des 19. Jahrhunderts wurde das zuvor sumpfige Überschwemmungsland zu nutzbarem Kulturland. Da der Limmatbogen (Gebiet nördlich der Bernstrasse) bis in die 1960er-Jahre hinein aber nur schwach besiedelt war, bot sich das Anlegen eines Gartenareals geradezu an. Zu Beginn kombinierten viele Pächter das «Gärtnern» mit der Haltung von Tieren (Kaninchen und Hühner). Später wurde die Haltung von Tieren verboten, und aus der Kleintieranlage wurde eine Familiengarten-Siedlung. Das war auch die Geburtsstunde des Vereins.

 

Grundsätzlich ist jedem Pächter freigestellt wie er seinen Garten bewirtschaftet, sofern er sich an ein paar Regeln hält. Das Areal liegt seit jeher mitten im Grundwasser-Schutzgebiet (beide Eigentümer-Gemeinden beziehen einen beachtlichen Teil ihres Trinkwassers aus den drei Pumpstationen). Daher herrscht absolutes PSM-Verbot (Pflanzenschutzmittel wie Insektizide, Herbizide, Fungizide, Pestizide usw.), und der Einsatz von Dünger ist auf Kompost und Mist beschränkt. Die Pächter wurden so zu Bio-Gärtnern «der ersten Stunde», lange bevor z. B. Bio Suisse gegründet wurde (1981).

 

Einst Abbild der Kleinbürgerlichkeit

Schrebergärten genossen früher nicht allerorts den besten Ruf. Geometrisch angelegte, öde Flächen, intensiv bewirtschaftet von spiessigen alten Menschen – Abbild für schweizerische Kleinbürgerlichkeit. Vorurteile, die mittlerweile natürlich überholt sind. In den Gärten im Betschenrohr herrscht Vielfältigkeit, nicht nur in Bezug auf Form und Grösse. Die ins Areal integrierten ungenutzten Wasserschutzzonen haben sich mittlerweile zu wertvollen Naturwiesen entwickelt. Die über die Jahrzehnte in und um die Gärten gewachsenen Sträucher und Bäume, in Verbindung mit dem angrenzenden Naturschutzgebiet entlang der Limmat, bieten Lebensraum für unzählige Insekten- und Vogelarten. Die beinahe schon paradiesischen Zustände haben einen Imker bewogen, sich mit seinen Bienenvölkern im Betschenrohr niederzulassen oder führen dazu, dass sich eine grosse Eidechsenpopulation immer weiter auf dem Areal ausbreitet.

 

Dem Zeitgeist entsprechend, beherrscht die Gärtner auch nicht mehr nur der Zwang, dem Boden möglichst viel Ertrag abzuringen. Die Motivation, einen Garten «zu besitzen», ist heute bei jedem Pächter eine andere: Nähe zur Natur, Nachhaltigkeit, selbst gezogenes, frisches Gemüse, Berufsausgleich, Blumenwiese, Naturgarten, Lebensraum für einheimische Tier- und Pflanzenarten, Biodiversität, sinnvolle Freizeitbeschäftigung, Raum für Kinder zum Spielen und vieles mehr.

 

Es interessieren sich auch längst nicht mehr nur «Rentner» für einen Familiengarten. Dem Vereinsnamen Rechnung tragend, wächst die Anzahl junger Familien unter den Mitgliedern stetig an. Spielende Kinder bevölkern die verkehrsbefreiten Kieswege. Die langjährigen, mittlerweile etwas «in die Jahre» gekommenen Mitglieder sind dem Verein aber genauso wichtig. Nicht wenige sind von Beginn weg dabei. Wenn man so durch die Gärten schreitet und 80-Jährige bei der Gartenarbeit beobachtet, kommt einem schon mal der Gedanke, dass das schweizerische Gesundheitswesen Gartenarbeit eigentlich als obligatorisch erklären müsste.

 

Viele Ausländer unter den Mitgliedern

Dann ist da noch die Sache mit den Ausländern. Das Fahnenmeer über den Gärten im Betschenrohr zeugt von der Nationenvielfalt unter den Mitgliedern. Italiener, Portugiesen, Türken, Serben und Kroaten bilden die grössten Mitgliedergruppen. Daneben finden sich noch viele weitere Herkunftsländer. Das auf gegenseitigem Respekt basierende friedliche Miteinander zeigt, welch wichtige Aufgabe Vereinen wie dem Familiengartenverein in Sachen Integration zukommt. Er versucht, die positive Entwicklung zu unterstützen, und führt auch diesen September wieder ein spezielles «Multi-Kulti-Fest» durch.

 

Geselligkeit ist grundsätzlich ein grosses Anliegen des Familiengartenvereins. Auch wenn er von seinen Mitgliedern fordert, ein Drittel der Parzelle «landwirtschaftlich» zu nutzen, bleibt genügend Raum für soziale Begegnungen. Ein Familiengarten ist der ideale Ort für Ruhe und Entspannung, einen «Schwatz», ein kleines Grillfest oder sonstige Arten von Spiel und Spass.

 

Der Familiengartenverein hält auch nichts von Mauern um das Areal Betschenrohr. Daher ist es mit Spazierwegen durchzogen und wird von Spaziergängern, Hundehaltern, Joggern, Radfahrern usw. rege benutzt und von den Bewohnern des Engstringer-Quartiers als Naherholungsgebiet schon lange geschätzt.

 

Idylle könnte der Natur zum Opfer fallen

Leider können die Gärtner im Betschenrohr aktuell nicht davon ausgehen, dass ihr Glück ewig währt. Vor einiger Zeit wurde vom kantonalen Amt für Abfall, Wasser Energie und Luft (AWEL) ein Projekt gestartet, welches die Renaturierung der Limmat zum Ziel hat. Die Stadt Schlieren möchte in Anlehnung an das Projekt den Limmatbogen als Naherholungsgebiet aufwerten (Regionale 2025). So absurd dies klingen mag, als Folge davon könnte unser Idyll der Natur zum Opfer fallen.

 

Bis dahin geniessen die Gärtner im Betschenrohr die verbleibende Zeit. Neue Mitglieder sind weiterhin willkommen. Aufgrund des stetig steigenden Interesses musste aber eine Warteliste eingeführt werden.

 

Mehr zum Verein findet sich unter
www.gartenverein-betschenrohr.ch

 

Text: Erwin Trindler, Fotos: zVg