Schlieren
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Friedhofsgeschichten

Unser Friedhof: Eine romantische Oase, ein wunderschöner Fleck Natur und ein Teil der Stadtgeschichte – eine Wanderung in drei Etappen.

In den letzten Beiträgen im «Schlieremer» haben wir davon berichtet, wie frühere Bewohner des Limmattals ihre Toten bestattet haben – von den Römern, Alemannen und den ersten Christen. Von ihren Spuren war die Rede, soweit sie zum Vorschein gekommen sind, oder den ersten Funden von Grabbeigaben und von den Gräbern an der Zürcherstrasse. Vom früheren Kirchhof um die alte reformierte Kirche und dessen Verlagerung an den damaligen Ortsrand. Daraus ist eine der schönsten Ecken unserer Stadt entstanden – wenig beachtet, fast etwas versteckt und verkannt. Sie liegt im Westen, südlich der Urdorferstrasse. Noch heute können wir hier die Gemeindegeschichte über mehr als 100 Jahre direkt im Gelände ablesen.

1908: Klug geplant – geglückte Erweiterungen
Beginnen wir unseren Rundgang ganz im Norden, an der Urdorferstrasse, und gehen durch den Torbogen mit der Jahreszahl 1908. Das stolze schmiedeeiserne Tor stammt von Schmiedemeister Braun, hergestellt in der damaligen Schmiede Blöchle. Hier war damals der Haupteingang; die Friedhofstrasse wurde erst im Zusammenhang mit der dritten Etappe ausgebaut. Die Anlage wurde von Architekt Stefano Luisoni entworfen; noch sind einige ganz alte Gräber erhalten (u.a. das älteste von allen, das für Karolina und Eduard Geistlich). Über die noch weitgehend erhaltene Strasse führte bei grossen Bestattungen der Leichenzug zum Leichenhäuschen. Es bot Platz für etwa 30 Personen, ist aber nicht mehr erhalten; man sieht nur noch dessen Umrisse in der Strassenteerung im «Rank». Ebenso erkennt man im Gelände die mit Efeu überwachsenen quer verlaufenden Mauerreste der alten Friedhofsgrenze. In weitsichtiger Art hatten die Schlieremer aber schon von Beginn weg rund 5800 m2 Land erworben und so die späteren Erweiterungen erleichtert. Wir haben davon im Schlieremer 1/2020 berichtet.

1937: 2. Etappe: Erweiterungen mit den Landi-Architekten Hippenmeyer und Amman
Unser Weg führt uns, leicht ansteigend, zum schönsten Teil des Friedhofs. Der «neue Friedhof» war nach fast 30 Jahren zu klein geworden, aber die Erweiterung gegen Süden machte keine Probleme – man hatte ja schon zu Beginn des Jahrhunderts Landreserven erworben. Schlieren – man würde das nicht unbedingt erwarten – hatte auch hier ein glückliches Händchen mit den Architekten bei öffentlichen Bauten. Für die Vergrösserung wurde der Zürcher Architekt, Landesplaner, Lehrbeauftragte und Städtebauer Konrad Hippenmeier gewonnen, dessen Handschrift und künstlerische Vorstellungen u.a. bei den Friedhöfen Enzenbühl, Manegg, Sihlfeld und Nordheim zum Tragen kamen.

Für die Bepflanzung wurde kein Geringerer als Gustav Amman gewonnen. Dieser, ganz Praktiker, hatte eine Gärtnerlehrer gemacht, später in Deutschland (Magdeburg, Düsseldorf, Berlin) gearbeitet und sich im Stil der damaligen Garten- und Sozialreformer weitergebildet. Wohl gleichzeitig wie am Schlieremer Friedhof arbeitete er als führender Gartenarchitekt an der «Landi» (Landesausstellung Zürich 1939), wie übrigens auch Hippenmeier. Mit seinem Büro in Zürich arbeitete er u.a. mit Max Frisch und dem Architektenteam Haefeli-Moser-Steiger zusammen. (An Amman erinnert heute noch der Gustav-Amman-Park in Oerlikon. Haefeli-Moser-Steiger treffen wir später wieder bei der Schlieremer Badi «im Moos» an).

Die beiden müssen gut zusammengearbeitet haben: Man erkennt diesen zweiten Teil des Friedhofes auch heute noch sehr gut. Er beginnt auf der Höhe des später abgebrochenen Leichenhäuschens und reicht bis zu den Familiengräbern. Ammans Aufgabe war, im sanft ansteigenden Gelände die «unschöne Bebauung der Umgebung zu verdecken», wie es in einem zeitgenössischen Bericht heisst. Dies gelang ihm durch reiche Gliederung: Der Hang wurde mit einheimischen Bäumen und Sträuchern bepflanzt, Brunnen (einige stehen heute noch) und ein «Aussichtsplatz» liessen die Nähe der Agglomeration vergessen. Ammans Erbe ist heute noch zu erkennen: Die Bepflanzung, die Brunnen und die alte, efeuüberwachsene südlichen Friedhofsmauer zeigen die damalige Grenze immer noch.

1969: 3. Etappe: Erweiterung mit den Architekten Benedikt Huber und Willi Neukom
Wenn wir weiter auf die südliche Ebene hingehen, erreichen wir auf der Krete den neusten Teil des Friedhofs. Es ist eine weite, freie Ebene, geometrisch und karg, entsprechend dem Zeitgeist. In den 60er-Jahren stiess Schlieren wiederum an Grenzen, eine Entwicklung auf 30 000 Einwohner und mehr war prognostiziert. Auch genügte die alte Anlage den Vorschriften nicht mehr. Das alte Leichenhäuschen (es wurde im Anschluss abgetragen) verfügte nicht über einen Kühlraum, es gab keine Nebenräume für die Gärtner oder die Pfarrherren und nur rudimentäre sanitäre Anlagen. Die Begräbnissitten hatten sich geändert, neue Bedürfnisse waren da, z. B. ein Gemeinschaftsgrab und Urnennischen. Zunächst wurde der Schlieremer Architekt Hans Kappeler beauftragt, einen Entwurf einzureichen. Er besuchte die Friedhöfe Höngg und Herrliberg. Seine beiden Projekte, von denen eines die Unterkellerung des bestehenden Leichenhäuschens vorgesehen hätte, erschienen aber zu bescheiden und befriedigten nicht. Zudem waren sich die beiden Kirchgemeinden nicht einig, ob eine Abdankungshalle wirklich notwendig sei – die Reformierten fanden, für die Abdankung könne ja die ref. Kirche verwendet werden. Auch der Bau eines Krematoriums stand weiterhin zur Debatte, wurde aber später fallen gelassen (wegen befürchteten Geruchsimmissionen).

So fanden denn weitere Besichtigungen statt in Baden und Adliswil. Schliesslich regte Gemeinderat Sepp Stappung als Präsident der Gesundheitsbehörde einen Architekturwettbewerb an. Sieger wurde das Projekt von Architekt Benedikt Huber und Gartenarchitekt Willy Neukom. Jetzt gings schnell: 1966 wurde der Standort der neuen Abdankungshalle festgelegt. Ein Geologe erklärte die vorgesehene Erweiterung von der Bodenbeschaffenheit her für bedingt tauglich. Hubers Projekt (mit Reserven für bis zu 30 000 Einwohner) sah Kosten von insgesamt Fr. 1 300 000.– vor; hinzu kamen die Landerwerbskosten (ca. 8800 m2) von Fr. 1 950 000.–. Am 3.4.1970 wurde das Projekt von den Schlieremern an der Gemeindeversammlung und am 26.4.1970 an der Urne angenommen und schon im September 1971 folgte die erste Bestattung.

Mit Huber (ETH-Professor für Architektur und Städtebau) und Neukom wirkten in Schlieren einmal mehr grosse Namen: Huber war zusammen mit seiner Frau Martha Huber-Villiger in der ganzen Schweiz und Deutschland durch eine Vielzahl von Kirchenbauten, Schulhäusern, Wohnsiedlungen, Alterszentren und städtischen Plätzen hervorgetreten. Er war in seinem umfangreichen Werk kritischer Geist gegenüber der grossspurigen Neubaueuphorie der Nachkriegszeit und konnte sich mit Hochbauten und Glasfassaden nicht anfreunden. Von ihm stammt die schlichte neue Abdankungshalle. Neukom hatte den Seeuferweg am Zürichhorn gestaltet und später, in den 70er-Jahren, die Landschaften um das neue Spital Triemli und die ETH Hönggerberg.

Am Schnittpunkt von «Alt» und «Neu» des Friedhofs, bei der Abdankungshalle, trennt ein schlichter öffentlicher Fussweg den romantischen alten Teil des Friedhofs (von Neukom «Parkfriedhof» genannt) von der neuen, geometrischen Anlage ganz im Süden. Wir übersehen eine weite, karge Ebene, teilweise aufgeschüttet. Sie ist mit ihren rechtwinkligen Betonverbundplatten und den sparsam eingestreuten Gehölzen eine Art Markenzeichen von Neukom. Das neue Gemeinschaftsgrab oder auch der Urnenhof entsprechen seinen Gestaltungsgrundsätzen, nämlich denen der Architektur der Moderne: Reduzierte Formen und Geometrien und räumliche Transparenz, unter Verwendung moderner Materialien, Sichtbeton und Baustoffen aus der Massenproduktion.
Die Wege, Pflästerungen und Grabsteine rund um das Gemeinschaftsgrab wurden 2016 erneuert und erweitert, das dichte Gebüsch ausgelichtet und so Neukoms Werk wieder erlebbar gemacht; der «Schlieremer Nr. 2» von diesem Jahr berichtete davon.

Nachdenklicher Gang zu Familiengräbern und Kunsthandwerk
Mit Grabstätten ganz grosser Berühmtheiten können wir zwar nicht aufwarten, aber ein Kleinod ist unser Friedhof sicher. Ohne Dichtestress, mit magischen Ecken. Wie gesagt: Mit den berühmtesten Friedhöfen kann sich so eine Vorortsgemeinde wie die unsere nicht messen. Aber auch bei uns findet man Schönheit: In einer stillen Ecke im mittleren Teil des Friedhofs sind ein paar künstlerisch wertvolle Grabsteine erhalten geblieben. Es berühren die sehr persönlichen Kindergräber, und wer weiter durch den verträumt angelegten Hang mit den Familiengräbern schlendert, findet in Stein gemeisselte Erinnerungen an alte Schlieremer Geschlechter, oft mit intimem Symbolgehalt. Alte Namen, die heute noch einen guten Klang haben – etwa Wipf, Meier, Hug, Weidmann, Vollenweider, Ruesch, Käser, Jost, Epprecht, Zürrer, Grendelmeier, Schärer, Rütschi, Egli … und daneben neue Geschlechter, etwa Ghiringhelli, Viera, Mouy Sieng, um nur einige zu nennen.

Bei den Gemeinschaftsgräbern mit Neukoms ruhigen, liegenden Sandsteinplatten stösst man auf die Löwenzahn-Skulptur von Ueli Weidmann, Landwirt und Kunstschmied und seinem Sohn Lukas. Die Frühlingsblume Löwenzahn ist die Metapher für das Werden und Vergehen: Wenn die reifen Samen vom Wind weggetragen werden, entsteht neues Leben. Jedes Kind versteht dieses Symbol der Vergänglichkeit. So ist aus Schmiedebronce, Chromstahl und Messing ein Symbol für den Kreislauf der Natur geworden, in dem wir uns ja alle befinden. Auch der Löwenzahn selbst folgt den Baugesetzen der Natur: Seine Samen sind im goldenen Schnitt und gemäss der Fibonacci-Zahlenreihe platziert.

Nicht weit davon, bei den Urnennischen, nochmals eine Skulptur von Weidmann – das «Werden und Vergehen», entstanden 1987. Im Zusammenhang mit der Neugestaltung des Urnenhains wurde ein künstlerischer Schmuck gesucht; der damalige Stadtrat Heinz Rieder kam schliesslich auf die Idee, den örtlichen Schmid zu beauftragen. Der Grundgedanke, so Weidmann, stammt ein wenig aus der Landwirtschaft: Stellen wir uns ein Weizenfeld vor während der Vegetationsperiode; die Frucht gedeiht, der Samen geht zurück in die Erde. Ein Gedanke an Wiedergeburt, etwas Heidnisches klingt an. (Diesen Gedanken in Stahl und Eisen darzustellen, war übrigens ein handwerklicher Kraftakt, erzählt Ueli Weidmann).
In einer stillen Ecke haben die Friedhofgärtner und Verantwortlichen für den Grünunterhalt respektvoll die erwähnten alten Grabmale aufgestellt: Zeugen früherer Gedächtniskultur, kleine Kunstwerke auch hier. Überhaupt gilt unser Dank den Verantwortlichen: Schlieren trägt dem Friedhof Sorge.

Die Natur: Ehrwürdige Bäume geben Lebensraum
In einer sehr schönen städtischen Broschüre von 2017 wird unser Friedhof als kraftvoller Ort bezeichnet – und dazu tragen die ehrwürdigen Bäume und alten Wege bei. Gemäss dem Verzeichnis des städt. Bauminventars finden wir Trauerweiden, Buchen, Platanen, Föhren, Birken, Thuja, Tannen, Lärchen, Hartriegel, Ahorn, Eschen, Eiben, Lebensbäume. Sie und ihr Unterholz sind Lebensraum für Vögel und Insekten. Einige sind im Bauminventar der Stadt und geniessen so einen gewissen Schutz.

Zum Schluss: Zwei berührende Geschichten
Wir schliessen ab mit zwei Geschichten von alten Schlieremer Geschlechtern – solchen der Liebe, über den Tod hinaus. Nehmen wir den Brief von Frau Cäcilie Weber, Gemahlin des Schlieremer Dorfarztes Julius Weber. Als dieser 1904 starb, wurde er im kleinen Kirchhof bei der alten Kirche bestattet. Es war damals aber bereits klar, dass bald der neue Friedhof an der Urdorferstrasse bezogen werden würde. Cäcilia Weber fragte die Gesundheitsbehörde, ob sie «die Erlaubniss dazu nicht ertheilen würde, für die Grabstätte meines lieben verstorbenen Gatten etwas mehr Raum beanspruchen zu dürfen als der übliche Raum der Gräber ist, ungefähr so, wie die Blumen und Kränze dieselbe gegenwärtig bedecken. Dieser Raum würde genügen, um bei meinem Ableben auch mich aufzunehmen, so dass man dann auf dem Grabstein des lieben Heimgegangenen nur noch meinen Namen aufziehen könnte.»

Man glaubt es kaum: Die Kommission stimmte der Bitte zu, hielt Wort und die Aschenurne von Frau Weber wurde 1921 (viele Jahre nach Aufgabe des alten Friedhofs) bei der Kirche beigesetzt.
Das älteste Grab ist das Familiengrab von Eduard und Karolina Geistlich; es liegt im nördlichsten Teil des Friedhofs, schlicht und doch würdevoll mit einer Basalt-Stele. Auch hier eine schöne Geschichte: Als Eduard Geistlich 1907 völlig unerwartet starb, bat seine Frau Karolina, man möge ihr auf dem alten Friedhof (bei der Kirche) neben ihrem Gemahl eine Grabstätte reservieren, dies im Hinblick auf den bevorstehenden Bau des neuen Friedhofs. Dem Gesuch wurde entsprochen; als Karolina 1928 starb, wurde sie auf dem alten Friedhof neben ihrem Gemahl bestattet. Als 1932 dann die neue (grosse) ref. Kirche gebaut und der Kirchplatz neugestaltet wurde, exhumierte man die Eheleute und überführte sie in den neuen Friedhof.

 

 

Text: Philipp Meier; Fotos: zVg