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Harte Bräuche auf dem Schlieremer Berg

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November 2018

Wir haben im letzten «Schlieremer» die Geschichte der Pestalozzi-Stiftung auf dem Schlieremer Berg kennengelernt – mit allem Licht und Schatten.

 

Ein dunkles Kapitel

Wer in den alten Dokumenten blättert, findet Verstörendes. Bis weit in die 50er-Jahre hinein finden sich Hinweise auf massive Prügel- und andere Körperstrafen, bis hin zu ausgeschlagenen Zähnen. Eine harte Behandlung der Buben war an der Tagesordnung; Bettnässer wurden kalt geduscht und blossgestellt. Der biblische Spruch «Wer sein Kind liebt, der züchtigt es» (nach Sprüche 13,24) wurde als Freipass für körperliche Misshandlung gebraucht. Sicher nicht von allen Erziehern – aber die Gesellschaft akzeptierte dies weitgehend oder stellte sich taub. Diese Erzieher waren von ihrer Aufgabe wohl auch überfordert: Heimleiter Fausch wurde zum Beispiel mit 23 Jahren mit seinem Amt als Waisenvater betraut, obwohl verschiedenste Bedenken angemeldet wurden. Natürlich waren die den Heimen Anvertrauten keine Chorknaben. Aber die Erzieher glaubten sich im Recht, und der Zeitgeist (man denke an die unselige Aktion «Kinder der Landstrasse») half beim Verdecken.

 

Es gab wohl Licht und Schatten: Ein Schlieremer Arzt wusste in den 30er-Jahren von diesen Missständen – und liess sie ungerührt geschehen. Ein anderer (Dr. Egli) wurde für die Buben vom Berg zum Vertrauten.

 

Auf diese Schatten wiesen zwei Persönlichkeiten hin, welche ihr Schicksal schriftstellerisch verarbeiteten. Sie riefen mit ihrer Abrechnung Proteste hervor; aber sie bewirkten, dass wir heute eine andere Einstellung zur Thematik haben. Das Schicksal als «Verdingkind» kann man nicht besser ausdrücken als es der Journalist und Schriftsteller Arthur Honegger (1924–2017) getan hat: «Man ist für alle der Spielball. Jeder kann mit dir machen, was er will. Als Kind wirst du beschuldigt, und niemand wehrt sich für dich. Niemand sagt, unser Bub macht so etwas nicht.»

 

Honegger war nichteheliches Kind, wurde der minderjährigen Mutter weggenommen und wuchs in Pflegefamilien auf. 1939 bis 1941 kam er in die Pestalozzi-Stiftung (er nannte sie Fellenbergheim, den Heimleiter Fritschi). Er berichtet von seelischem und körperlichem Missbrauch, Prügeln und Gewaltorgien im Heim, von seelischer Not und Selbstmord eines Insassen. Honegger erzählt aber auch von der Hilfe des Schlieremer Sekundarlehrers Hans Därner (im Buch nennt er ihn Sollberger), welcher ihn ernst nahm und begeistern konnte. Er schenkte ihm den «Grünen Heinrich» von Gottfried Keller, regte ihn an zum Schreiben und wollte ihn ans Gymnasium bringen oder mindestens eine Lehre machen lassen. Allein: Der Vormund sabotierte das. Aber seinem Lehrer blieb er lebenslang dankbar. (Übrigens nahm ihm der Heimleiter das Geschenk Därners wieder weg…)

 

Nach der Zeit in der Stiftung machte man ihn – auch in Schlieren – zum Verdingbuben bei einem Bauern, den er Speich nannte. Als Verdingbub erlebte er Hunger und Schläge, durfte nicht mit der Familie essen («Wir wollen keine Anstältler am Tisch!»), ass rohe Kartoffeln im Keller. Gestraft wurde er mit einem «Hagenschwanz», also einem Ochsenziemer, den versprochenen Lohn erhielt er nicht. Sein Vormund prophezeite ihm nur immer wieder ein Ende im Zuchthaus. Wer seine wirkliche Mutter war, erfuhr er erst mit fast 80 Jahren, die Behörden hatten alles geheim gehalten. Im Zusammenhang mit den Recherchen zum Dokumentarfilm «Turi» war es der Filmemacherin Lotty Wohlwend gelungen, ihr Schicksal ausfindig zu machen.

Später wurde Honegger u.a. Parteisekretär der SP Thurgau, Blick-Redaktor und Kantonsrat. 1974 schrieb er das autobiografischen Buch «Die Fertigmacher», welches wie die sprichwörtliche Bombe einschlug. Beliebt machte er sich in Schlieren nicht damit, aber er half, die Diskussion über das Heimwesen in Gang zu bringen.

Einen Weg mit ähnlich vielen Wendungen nahm Franz Rueb, welcher in den 40er-Jahren in der Pestalozzi-Siedlung lebte. Er empfand sie als Sklavenanstalt. Er schrieb seine Erlebnisse 2009, als 76-Jähriger, unter dem Titel «Rübezahl spielte links aussen» nieder. Rueb war ein 68er, Mitglied der Partei der Arbeit, Zürcher Kantonsrat, Dramaturg in Berlin und schrieb Biografien (u.a. über Ulrich Zwingli!). Auf die Schlieremer Jahre angesprochen, spricht er von «schwarzer Pädagogik», welche zu «psychischer Schädigung und Aggression» führte. Heimleiter Fausch beschreibt er als «Machtmensch, Barbar, ein gottesfürchtiger Herrscher». Rueb sagt aber auch, dass er «als Kind einen unendlichen Reichtum erleben durfte», Fussball und Theater gespielt habe. Einzig Liebe habe es nicht gegeben, dafür Prügel und militärisch-strenge Regeln, aber einen Groll hegte er nicht gegen das Heim. Wer sich über diese Zeiten ein lebendiges Bild machen will, dem seien die beiden erwähnten Bücher empfohlen. Es ist noch nicht so lange her…

 

Die Zeiten ändern sich; die Pestalozzi-Stiftung zieht ins Knonauer Amt

Indessen: Die Zeiten und ihr Geist änderten sich, die Schlieremer Pestalozzi-Siedlung stiess in verschiedenen Bereichen an Grenzen und Probleme. Die Grossstadt mit ihren Versuchungen war jetzt zu nahe, die Gebäulichkeiten nicht mehr zeitgemäss und erneuerungsbedürftig. Heime mit ihrem rigiden erzieherischen Grundgerüst wurden generell in Frage gestellt. Moderne Erziehungsmethoden hielten Einzug. Altersdurchmischte Wohngruppen sollten entstehen, mehr Fachleute im Heim wohnen.

 

Schon ab 1958 war der Wegzug ein Thema. Die Zürcherische Gemeinnützige Gesellschaft entschloss sich, auszusiedeln – und 1968, also ziemlich genau 100 Jahre nach der Gründung, war es so weit. Die Pestalozzi-Siedlung siedelte hinüber nach Knonau, wo innert dreier Jahre ein Neubau (beim dazugehörigen Landwirtschaftsbetrieb Langacher) bezogen wurde. Das Kapital für den Neubau war im wesentlichen über den Verkauf der Schlieremer Siedlung beschafft worden: Der Kanton Zürich erwarb 1969 die Liegenschaften mit 8,2 ha Land (für 7 Mio. Franken). Die Stadt Zürich kaufte ihrerseits etwa 3 ha im Südoste für über 3 Mio. Franken. (Sie hatte schon früher im Fuchsacker das Land des ehemaligen Hofes Antener erworben, etwa 4,5 ha.) Das waren stolze Preise, aber einerseits bestanden grosse Pläne für das Gebiet, und anderseits hätte der Kanton die Pestalozzi-Stiftung auch bei einer Sanierung unterstützen müssen. Auch die Gemeinde Schlieren (damals noch nicht Stadt) und Dritte erwarben kleinere Teile.

 

In Schlieren nahm man den Wegzug gelassen zur Kenntnis. Man gönnte es den Buben, dass sie in bessere Verhältnisse kamen, baulich auf jeden Fall und mit den neuen pädagogischen Ansätzen wohl auch fachlich. Es gab nun vier altersgemischte Gruppen, «Familien», die in eigenen Häusern lebten. Die Anlage besteht heute noch, betreut allerdings nur noch knapp 20 Buben. Die Siedlung kämpft mit der sinkenden Nachfrage: Die erzieherischen Vorstellungen haben sich erneut geändert; Heimeinweisungen gelten heute als «ultima ratio» – u.a. wegen der Kosten; sie belaufen sich auf etwa Fr. 400.– pro Tag und Kind.

 

Der Pestalozzipark

Zurück nach Schlieren. Hier stellte sich die Frage: Was sollte nun mit dem hiesigen Gelände geschehen? Ein Park sollte entstehen, ein Riesenprojekt drohte. Davon – und von der
glücklichen Rettung mehr im nächsten «Schlieremer». 

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