Mittwoch, April 17, 2024
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Hier steht eine Frau ihren Mann

Frauen an der Spitze von Unternehmen sind in der Schweiz noch immer rar. Doch es gibt sie – auch in Schlieren. Der «Schlieremer» hat einige ausfindig gemacht und stellt sie in Porträts vor.

In Schlieren gibt es über 1100 Unternehmen. Die meisten werden von Männern geführt. Doch es gibt ein paar wenige Firmen, bei denen Frauen an der Spitze stehen. Fünf dieser Power-Frauen porträtiert der «Schlieremer» nachfolgend. Die Auswahl erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Porträts zeigen, wie verschieden die Werdegänge weiblicher Führungskräfte sein können und wie unterschiedlich sich die Herausforderungen präsentieren, vor denen sie stehen. Da und dort schimmert auch durch, dass die Frauen besondere Leistungen erbringen mussten, um in Leitungspositionen aufsteigen zu können.

Filiz Di Liberto, Hotel Tivoli:
«Bestätigung für meinen Fleiss»
Die 40-jährige Filiz Di Liberto feiert dieses Jahr ein Jubiläum: Sie leitet seit zehn Jahren das Hotel Tivoli. Das Tivoli ist das einzige Hotel in Schlieren und verfügt über sechzig Zimmer mit hundert Betten. Das Hotel hat sehr viele Stammgäste. «Freundlichkeit, Sauberkeit, Herzlichkeit und zuvorkommend sein», seien die vier Eckpfeiler der Gästebetreuung, erklärt Di Liberto. Das Hotel beschäftigt zwölf Personen.

Di Liberto hat eine Versicherungslehre absolviert und danach ein Fachhochschulstudium mit der Vertiefung Banking & Finance gemacht. Sie sei schon immer sehr zielstrebig gewesen und habe im Beruf erfolgreich sein wollen, sagt Di Liberto zu ihrer Karriere. «Eine Führungsposition innezuhaben, ist die Bestätigung für meinen Fleiss.» Am Chef sein reizt sie, «rasche und wirkungsvolle Entscheidungen treffen und langfristige Strategien entwickeln zu können».

Was ist zurzeit die grösste Herausforderung für die Hoteldirektorin? «Es gilt in dieser schwierigen Zeit zu optimieren und die Kosten im Griff zu haben», antwortet Di Liberto. «Dies, ohne die Serviceleistungen für die Gäste zu reduzieren.» Das Hotel werde im Limmattal als gute Adresse wahrgenommen. Das zeige, dass man auf dem richtigen Weg sei.

Als Firmenchefin werde ihr «mit viel Respekt und Anerkennung begegnet», berichtet Di Liberto. Aber als Frau brauche es oftmals ein wenig länger, um sich dies zu erarbeiten. «Das ist dann mit mehr Leistungsarbeit verbunden», sagt Di Liberto. Doch der Aufwand lohne sich.

Di Liberto ist verheiratet und Mutter dreier kleiner Mädchen. Um unter diesen Umständen Familie und Beruf vereinbaren zu können, brauche es eine gute Organisation und Abstimmung. Wie viel sie pro Woche arbeitet, kann Di Liberto nicht in Stunden ausdrücken. «Ich bin jeden Tag für das Hotel im Einsatz», erklärt sie. Sie versuche aber, den Sonntag als Familientag zu gestalten. Mit den Kindern geht Di Liberto so oft als möglich auf den Spielplatz. Für persönliche Hobbys bleibe da leider keine Zeit mehr.

Monika Höhn, Höhn Malerunternehmen:
«Ich übernahm ohne zu zögern»
Die 57-jährige Monika Höhn leitet seit Anfang 2019 das Malergeschäft Höhn. Firmenchefin wurde sie durch ein tragisches Ereignis – den Unfalltod ihres Mannes. «Ich übernahm ohne zu zögern die Geschäftsleitung», sagt sie rückblickend. Dabei seien ihr die vielen Jahre, die sie bereits im Unternehmen mitgearbeitet habe, sowie ein eingespieltes Team zugute gekommen. Höhn ist gelernte Drogistin und machte noch eine Weiterbildung zur Arztsekretärin.

Das Malergeschäft Höhn führt sämtliche Maler- und Tapezierarbeiten bei Neu-, Umbauten und Renovationen aus. «Hohe Qualität, termingerechte Ausführung, Wirtschaftlichkeit, Fachkompetenz und natürlich zufriedene Kunden sind das Ziel unserer Firma», erklärt Höhn. Das Unternehmen sei mit Fahrzeugen, Maschinen und modernem Werkzeug bestens ausgerüstet und übernehme auch Aufträge ausserhalb der Region. Im Geschäft arbeiten 18 Personen. Der Betrieb kann nächstes Jahr sein hundertjähriges Bestehen feiern.

«Die grösste Herausforderung für mich war sicher, ohne Vorlaufzeit in die grossen Fussstapfen meines verstorbenen Mannes zu treten und mich in kürzester Zeit in zahlreiche neue Aufgaben einzuarbeiten», berichtet Höhn. Heute sei der Konkurrenz- und Margendruck eine grosse Herausforderung. «Wir haben uns der Qualität verschrieben. Oft werden die Offerten aber ausschliesslich über den Preis vergeben», erklärt Höhn. «Es wird zunehmend aufwändiger, für meine Mitarbeitenden Aufträge zu generieren.»

Höhn schätzt es, als Firmenchefin die Fäden in der Hand zu haben, gute Qualität anzubieten und mit den unterschiedlichsten Kunden in Kontakt zu sein. Dafür arbeitet sie viel: «Mein Tag beginnt früh und endet spät», sagt sie. Sie sei deshalb dankbar, dass die Menschen in ihrer Familie erwachsen und selbständig seien, so dass sie sich auf ihre Aufgabe im Malergeschäft konzentrieren könne. Höhn besitzt seit kurzem ein E-Bike und fährt damit bei trockenem Wetter gerne zur Arbeit. Ebenfalls seit kurzem spielt sie Golf, «was für mich ein guter Ausgleich zum Geschäftsalltag ist».

Annemarie Widmer, Louis Widmer:
«Es war schon immer mein Traum»
Die 41-jährige Annemarie Widmer ist Inhaberin und CEO der international tätigen Louis Widmer und führt das Unternehmen zusammen mit Natalie Dellers und Beat Müller. Diese Dreierspitze wurde Anfang dieses Jahres geschaffen. Widmer übernahm die Leitung des Unternehmens in jungen Jahren 2006 nach dem Tod ihres Vaters – schon damals zusammen mit zwei erfahrenen Mitarbeitenden. Seit 2017 ist Widmer auch Verwaltungsratspräsidentin.

Louis Widmer entwickelt, produziert und vertreibt Dermokosmetik und pharmazeutische Hautpflegeprodukte. Die ganze Wertschöpfungskette befindet sich in Schlieren. Das Unternehmen verbindet gemäss Widmer «dermatologische Kompetenz mit kosmetischer Exzellenz». Louis Widmer beschäftigt weltweit 250 Mitarbeitende; rund 140 Personen arbeiten in der Schweiz. Am Produktionsstandort Schlieren/Schweiz will Widmer festhalten, auch wenn er teuer ist.

Widmer absolvierte eine kaufmännische Lehre und machte danach diverse Weiterbildungen in Betriebswirtschaft und Marketing. Dazu gehört auch ein HFW-Abschluss in Wirtschaft. Für Widmer war es «schon immer ein Traum», ins Familienunternehmen einzusteigen, wie sie sagt. «Es erfüllt mich, diese Firma zu steuern und aktiv zu gestalten. Dies mit der Nähe und dem Herzblut, welche ein Familienunternehmen erfordert.»

«Wir befinden uns mit Covid-19 in einem absoluten Ausnahmezustand, in dem wir auf keinerlei Erfahrungen zurückgreifen können», antwortet Widmer auf die Frage, was ihre grösste Herausforderung als Firmenchefin sei. Es gelte weitsichtig zu sein in diesen turbulenten Zeiten, das Wesentliche nicht aus dem Blick zu verlieren und die Mittel noch zielgerichteter einzusetzen für eine gestärkte Zukunft. Zudem erfordere die Coronasituation rasche Änderungen, sagt Widmer: «Der Lockdown hat uns in wenigen Tagen komplett digitalisiert, und das erfolgreich. Er hat uns gelehrt, dass was gestern noch nicht möglich schien, heute schon umgesetzt ist.»

Widmer ist verheiratet und hat zwei kleine Kinder. Familie und starke berufliche Beanspruchung könne sie vereinbaren dank viel Organisation und einem flexiblen und liebevollen Umfeld. Wenn Widmer Freizeit hat, gehöre diese voll und ganz ihrer Familie. Sie sei naturverbunden und wenn immer möglich draussen.

Kathi Mujynya Ludunge, Cutiss:
«Es war nicht immer einfach»
Das Führungsteam von Cu-tiss besteht aus fünf Personen, darunter drei Frauen. Eine davon ist die 52-jährige Kathi Mujynya Ludunge. Sie ist seit einem Jahr Chief Operating Officer. Cutiss hatte bis vor kurzem nur das Forschungslabor in Schlieren. Neu befinden sich auch die Büros des 2017 gegründeten Startups sowie die Produktionsräumlichkeiten hier. Mujynya Ludunges grösste Herausforderung ist deshalb gegenwärtig, die operativen Strukturen in Schlieren aufzubauen und zu festigen sowie die Zeitvorgaben und das Budget einzuhalten.

Cutiss ist ein Life-Science-Unternehmen, das personalisierte Hauttransplantationstechnologien zur Behandlung eines grossen Spektrums von Hautdefekten entwickelt. Die Marktzulassung für Europa für den am weitesten fortgeschritten Produktkandidaten, denovoSkin, wird für 2023 erwartet. Cutiss erreichte in diesem Jahr im Wettbewerb «Top 100 Swiss Startup Award» den 1. Platz. Das Unternehmen zählt dreissig Mitarbeitende.

Mujynya Ludunge hat an der Ecole Supérieure de la Santé in Neuenburg Biologie studiert und nachher einen Master in Business Administration an der Universität Genf gemacht. Später kam noch das Postgraduierten-Diplom in Management of Biotech and Pharmaceuticals Venture an der ETH Lausanne dazu. «Ich wollte schon immer die Übersicht haben und das grosse Ganze verstehen», sagt Mujynya Ludunge zu ihrem jetzigen Job. «Gleichzeitig möchte ich Organisationen positiv weiterentwickeln und meine Energie und Leidenschaft für Wissenschaft mit anderen teilen.» Mujynya Ludunge hat in den vergangenen 18 Jahren Teams in der Schweiz, den USA und Singapur geleitet.

Ihr Aufstieg in Leitungspositionen sei «nicht immer einfach» gewesen, erklärt Mujynya Ludunge. Einerseits sei es früher nicht üblich gewesen, dass Frauen auf mittlerer und hoher Führungsebene vertreten waren und auch die Verantwortung für ganze Teams trugen. Andererseits sei sie nicht nur eine Frau, sondern auch noch eine «Person of Color» – ihr Vater ist Kongolese, ihre Mutter Schweizerin. «Glücklicherweise ist die Welt im Jahr 2020 deutlich vielfältiger geworden», sagt Mujynya Ludunge.

Mujynya Ludunge arbeitet zwischen fünfzig und sechzig Stunden pro Woche. Es gelinge ihr aber inzwischen immer besser, an Wochenenden nicht an Arbeit zu denken, sagt sie. Ausserdem habe sie das Glück einer grossen Familie, die sie privat auf Trab halte. Mujynya Ludunge ist verheiratet und Mutter von fünf Kindern. In ihrer spärlichen Freizeit liest sie viel – «hauptsächlich zwischen 23 und 1 Uhr nachts». Zudem bauen sie und ihre Familie Obst und Gemüse für den eigenen Gebrauch an. Mit der Ernte des Gartens liebt sie es abends und an Wochenenden für Familie und Freunde zu kochen.

Sabrina Badir, Pregnolia:
«Ich habe Unternehmerblut in mir»
Die 35-jährige Sabrina Badir ist Gründerin und CEO von Pregnolia. Dieses Medizinaltechnik-Startup ist spezialisiert auf die Früherkennung von Frühgeburten. Das Produkt von Pregnolia, eine Sonde, die auf den Muttermund aufgesetzt wird und dort die Gewebesteifigkeit misst, ist bereits in ersten Arztpraxen im Einsatz. Das Unternehmen wurde 2016 gegründet und zählt heute elf Mitarbeiter.

Badir beschäftigte sich schon während ihres Studiums der Biomechanik an der ETH Zürich mit der Sonde und passte sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit spezifisch auf Schwangerschaftsuntersuchungen am Gebärmutterhals an. Dabei spürte sie grosse Unterstützung von Seiten der Ärzteschaft und entschloss sich, ihre Forschungen nach Abschluss der Dissertation selbständig fortzusetzen. «Ganz wichtig war dabei die Tatsache, dass die Frühgeburtserkennung eines der grossen ungelösten Probleme der Geburtshilfe ist», sagt Badir.

Den Spagat zwischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit und Führung eines Unternehmens schafft Badir durch eine gute Arbeitsteilung mit ihrem Co-Gründer Francisco Delgado. Dieser deckt primär die Forschung und Entwicklung ab. Zudem wird das Team gerade im klinisch-medizinischen Bereich erweitert, so dass sich Badir genügend um Führungsaufgaben kümmern kann.

Eine grosse Herausforderung sei auch die Sicherstellung der Finanzierung des Unternehmens, sagt Badir. «Das ist mega anstrengend, aber auch höchst interessant.» Der Einsatz der jungen Firmenchefin und ihrer Mitstreiter hat sich offensichtlich gelohnt: Diesen Sommer konnte eine Finanzierungsrunde über 4 Millionen Franken erfolgreich abgeschlossen werden.

Wie viel sie pro Woche arbeitet, kann Badir nicht sagen. «Es ist aber sicher mehr als die Normstundenzahl.» In ihrer Freizeit treibt sie gerne Sport. «Das gibt mir den Ausgleich», sagt Badir. «Beim Joggen kann ich richtig gut denken, und es kommen mir viele Ideen.» Auch mit der Familie und Freunden verbringt Badir oft Zeit. Zudem liebt sie das Reisen, sofern nicht gerade die Coronavirus-Pandemie herrscht. Badir lebt in Beziehung mit einem Informatiker, der «dasselbe Unternehmerblut» in sich habe wie sie.

 

Text: Martin Gollmer, Bilder: zVg

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