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«Ich bin sozial und demokratisch eingestellt»

Markus Bärtschiger, am 10. Juni alleiniger Kandidat im zweiten Wahlgang für das Stadtpräsidium, stellt sich dem «Schlieremer» im Interview und sagt,
mit welchen Prioritäten und Haltungen er als Chef der städtischen Exekutive politisieren würde.

Schlieremer: Herr Bärtschiger, wer sind Sie?

Markus Bärtschiger: Ich bin ein ganz normaler Mensch. Da ich in der Schweiz geboren bin und hier lebe, bin ich aber privilegiert – jedenfalls im Vergleich zu vielen Menschen im Ausland. Ich bin in Schlieren aufgewachsen und habe hier – bis auf wenige Ausnahmen – mein ganzes Leben verbracht. Ich habe eine Ausbildung als Volkswirtschafter und Politologe. Ich lebe seit Jahren mit der gleichen Partnerin zusammen, bin aber nicht verheiratet und habe keine Kinder. Ich werde demnächst 56 Jahre alt. Seit meinem 22. Altersjahr politisiere ich für die Sozialdemokratische Partei, in Schlieren zunächst im Gemeinderat, dann im Stadtrat, im Kanton Zürich seit einem Jahr auch als Kantonsrat. Ich versuche, jeden Mittwoch Hallenfussball zu betreiben und spiele Golf.

Schlieremer: Sie wollen Stadtpräsident von Schlieren werden. Warum soll man Sie am 10. Juni wählen?

Markus Bärtschiger: Die erste Antwort ist: Ich bin der Einzige, der noch will. Die zweite Antwort lautet: Ich bin schon seit langem in der Politik. Man soll mich wählen aufgrund der Leistungen, die ich in dieser Zeit für Schlieren erbracht habe. Auf eine detaillierte Aufzählung meiner Erfolge verzichte ich.

Schlieremer: Wenn Sie gewählt werden: Wie gedenken Sie den Stadtrat zu führen?

Markus Bärtschiger: Der bisherige Stadtrat war ein gut eingespieltes Team mit einer guten Streitkultur. Man konnte zwar unterschiedlicher Meinung sein, aber als Menschen kamen wir trotzdem ausgezeichnet miteinander aus. Wir gingen deshalb nach den Stadtratssitzungen auch immer zusammen essen. Diesen Groove möchte ich auch im neuen Stadtrat erhalten.

Schlieremer: Welches sind Ihre politischen Prioritäten für Schlieren für die nächsten Jahre?

Markus Bärtschiger: Meine Prioritäten umfassen Bereiche, die alle mit dem Buchstaben K beginnen: Konsum, Kultur, Kommunikation, Kasse. Was den Konsum betrifft, erfüllt mich mit Sorge, dass Läden und Restaurants im Zentrum aus diversen Gründen Mühe haben zu überleben. Dem will ich entgegenwirken, damit das Zentrum wieder ein Ort wird, wo man sich trifft. Kulturell profitieren wir zwar von der Nähe zur Stadt Zürich mit ihrem grossen Angebot, aber wir dürfen dabei nicht untergehen. Ein minimales eigenes kulturelles Angebot sollten wir aufrechterhalten. Sodann muss die Kommunikation des Stadt nach aussen verbessert werden.

Schlieremer: Bleibt als letztes K die Kasse.

Markus Bärtschiger: Wir müssen sparsam umgehen mit dem Geld, das wir haben. Die in der Stadt ansässige Wirtschaft generiert viel Steueraufkommen. Dazu müssen wir Sorge tragen. Wir haben hohe Investitionsausgaben und deshalb auch eine hohe Verschuldung. Das müssen wir im Auge behalten. Solange die Investitionen nicht dem Konsum dienen, sondern andere – private – Investoren und Steuerzahler anziehen, ist das aber kein grosses Problem.

Schlieremer: Sie sind Sozialdemokrat. Wie kann man Ihre politische Verankerung spüren in Ihrer Tätigkeit für Schlieren?

Markus Bärtschiger: Man kann es ablesen an den zwei Teilen, aus denen das Wort sozialdemokratisch besteht. Ich bin sozial und demokratisch eingestellt. Ich stehe zur direkten Demokratie, wie wir sie in der Schweiz kennen, auch wenn die Kontrolle der Politik durch das Volk hoch und manchmal unbequem ist. Die Leute in der Schweiz und in Schlieren sollten zudem alle eine gerechte Chance auf ein gutes Leben haben. Es braucht deshalb soziale Ausgleichsmechanismen. Eine totale Gleichheit strebe ich aber nicht an – ich bin kein Kommunist.

Schlieremer: Eine grosse Aufgabe, vor der Schlieren steht, ist die Gestaltung des Zentrums. Das Projekt eines Stadtsaals in diesem Raum hat eben Schiffbruch erlitten. Umstritten ist zudem die Begegnungszone im Bahnhofsgebiet. Wie soll es hier Ihrer Meinung nach weitergehen?

Markus Bärtschiger: Schlieren hat im Zentrum zugegebenermassen einen gestalterischen Nachholbedarf. Mit dem Kommen der Limmattalbahn ist der Anspruch entstanden, man könne in einem einzigen grossen Wurf alles erledigen. Dieser Anspruch war zu hoch. Aber wir haben zurzeit die einmalige Chance, im Zentrum etwas zu machen, ohne alle Lasten selber tragen zu müssen. Deshalb ist es schade, dass der Projektierungskredit für den Stadtsaal vom Stimmvolk abgelehnt wurde. Es ist gut möglich, dass jetzt an diesem Standort für die nächsten zwanzig Jahre kein Stadtsaal mehr kommt. Ich habe hier aber durchaus zwiespältige Gefühle. Als für Bau und Planung zuständiger Stadtrat verstehe ich mich nämlich auch als Verteidiger von Grünflächen in der Stadt. Was die Begegnungszone im Bahnhofsgebiet anbelangt, so bin ich zuversichtlich, dass ein guter Kompromiss gefunden werden kann, der für alle Verkehrsteilnehmer sowie für Anwohner und Gewerbe stimmig ist. Hier müssen wir endlich einen Schritt weiter kommen.

Schlieremer: Eng mit der Zentrumsgestaltung verknüpft ist die Limmattalbahn, Sie haben es angetönt. In einer zweiten kantonalen Abstimmung diesen Herbst soll darüber befunden werden, ob die Bahn von Schlieren-Geissweid bis nach Killwangen-Spreitenbach weitergeführt wird. In der ersten kantonalen Abstimmung hat aber eine Mehrheit der Schlieremer diese Bahn überhaupt abgelehnt. Was sagen Sie als Befürworter der Bahn diesen Leuten im Hinblick auf die zweite Abstimmung?

Markus Bärtschiger: Sie sollen weniger Angst haben vor der Zukunft. Viele der Nein-Sager zur Limmattalbahn trauern dem alten Schlieren und dem alten Limmattal nach. Manche, die abgelehnt haben, taten dies aus persönlichen Interessen: Die Bahn führt vor ihrem Haus durch, beschneidet Vorgärten und bringt Lärm. Beides sind verständliche Haltungen. Aber Schlieren ist eine aufstrebende Stadt und das Limmattal eine rasch wachsende Region. Das bringt Mehrverkehr. Mit der Limmattalbahn soll dieser Verkehr auf ein öffentliches Transportmittel gelenkt und Schlieren – wie auch Dietikon – vom motorisierten Individualverkehr entlastet werden. Die Bahn ist dabei günstig im Betrieb, kann schnell viele Leute befördern und ist umweltfreundlich.

Schlieremer: Ihre Gegnerin im Kampf ums Stadtpräsidium, Manuela Stiefel, hat sich nach dem ersten Wahlgang zurückgezogen, obwohl sie mehr Stimmen erzielte als Sie. Sie sind jetzt alleiniger Kandidat, weil Sie auch kein anderer Stadtrat herausfordern will. Schmälert das Ihren Erfolg, wenn Sie gewählt werden?

Markus Bärtschiger: Nein. Jeder und jede hat persönliche Gründe, warum er oder sie sich zur Wahl stellt oder nicht. Ich hätte es aber lieber, wenn die Stimmbürger eine Auswahl hätten. Ich habe es vorhin gesagt: Ich bin ein Verfechter der Demokratie, und diese beruht unter anderem darauf, dass man zwischen verschiedenen Kandidaten auswählen kann.

Schlieremer: Wenn Sie am 10. Juni gewählt werden, werden Sie der Stadtpräsident einer Minderheit sein: Weniger als die Hälfte der Stimmbürger gehen wählen, und von denen, die sich an die Urne begeben, wird sie nicht jeder wählen. Welche Botschaft haben Sie für diese Leute?

Markus Bärtschiger: Wenn diejenigen, die zu Hause bleiben, denken, der macht es auch ohne meine Stimme gut, dann kann ich damit leben, dass mich nur eine Minderheit der Stimmbürger gewählt hat. Wer aber nicht mit mir einverstanden ist, sollte wählen gehen. Ich selber bin als 22-Jähriger in die Politik gegangen, weil ich etwas verändern wollte. Ich sagte mir, wenn du unzufrieden bist, kannst du nicht einfach nur ein bisschen studieren, Fussball spielen und Musik machen, dann musst du dich auch engagieren. Wählen gehen ist dabei noch eine einfache Art des Engagements: Man muss nur einen oder mehrere Namen hinschreiben.