Sonntag, Juni 16, 2024
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Rettung in letzter Minute

Der letzte erhaltene Gasometer auf dem ehemaligen Gaswerkareal in Schlieren kann gerettet werden. Das steht fest, nachdem der Regierungsrat des Kantons Zürich eine Subvention für eine schützende Überdachung gesprochen hat. Mit deren Bau soll noch dieses Jahr begonnen werden.

«Der Gasometer ist im jetzigen Zustand nicht mehr sehr lange erhaltbar», sagt Markus Bärtschiger, Stiftungsrat der Stiftung Gasometer Schlieren und Stadtpräsident. Die Rettung kommt deshalb sozusagen in letzter Minute. An seiner Sitzung vom vergangenen 23. Dezember hat der Regierungsrat eine Subvention von etwas über 2,2 Millionen Franken für ein Überdachungsprojekt für das Baudenkmal von kantonaler und nationaler Bedeutung bewilligt. Die Stiftung hatte im Mai 2020 darum ersucht.

Gemäss Bärtschiger ist nicht die statische Grundstruktur des aus dem Jahr 1898 stammenden Gasometers das Problem, sondern die teilweise nur millimeterdünnen Bleche, welche den eigentlichen Gasbehälter bilden. Diese sind trotz einer Rostschutzbehandlung von einem weiteren Rostfrass nicht wirklich gut geschützt und müssen deshalb vor Einwirkungen durch Regen oder grosse Luftfeuchtigkeit bewahrt werden. Dies soll, so Bärtschiger, primär durch eine Überdachung geschehen. Ein entsprechendes Projekt liegt vor und erhielt Ende 2019 eine Baubewilligung. Nachdem der Regierungsrat die dafür notwendige Subvention vollumfänglich gesprochen hat, kann nun mit den Schutzarbeiten begonnen werden.

Und das ist die Geschichte des Gasometers, wie sie im Subventionsbeschluss des Regierungsrates nacherzählt wird: Nach der Eingemeindung von elf Vororten im Jahr 1893 liess die Stadt Zürich die ersten Regiebetriebe – Elektrizitätswerk, elektrische Strassenbahn, Schlachthof – errichten. Dazu gehörte auch das Gaswerk, das unter der Leitung von Stadtbaumeister Arnold Geiser in der damals noch unverbauten Ebene des Limmattals gebaut wurde. Eröffnet wurde die damals gesamtschweizerisch grösste Energieanlage mit einer Leistung von 25’000 Kubikmeter Gas pro Tag 1898. Die Gründungsbauten wurden der Zeit entsprechend in repräsentativer Werkarchitektur erstellt.

Herausragender Zeuge der Geschichte

Der Gasometer I aus dem Jahr 1898 ist ein mächtiger Teleskop-Gasbehälter, eingefasst von einem Führungsgerüst in Stahlkonstruktion. Er ist der letzte erhaltene von ursprünglich vier Gasometern, zeigt gemäss den Erwägungen im Regierungsratsbeschluss «die hohe Ingenieursbaukunst und den technischen Fortschritt dieser Zeit und ist somit das Wahrzeichen des Gaswerks Schlieren». Der Gasometer speicherte Steinkohlegas, das durch die Umwandlung von Kohle in Koks gewonnen wurde. Das Gas wurde zur Beleuchtung der Stadt Zürich (Leuchtgas, Stadtgas) und später nach der Elektrifizierung zum Kochen und Heizen verbraucht.

Weiter heisst es in den Erwägungen: «Der Kessel ist noch in bauzeitlicher Substanz einschliesslich Messvorrichtungen, Behälterheizung und deren Armaturen erhalten. Der Gasometer I ist als zweitältester 1898 erstellter Behälter des damaligen Zürcher Gaswerks ein herausragender Zeuge der Technik- und Sozialgeschichte des Kantons Zürich.» Er bezeuge den Stand der Stahlbautechnik seiner Bauzeit, wie man sie sonst nur noch beispielsweise bei Eisenbahnbrücken und Hallenbauten aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert vorfinde.

Beim Gasometer I handelt es sich um den einzigen erhaltenen Teleskop-Gasbehälter in der Schweiz. Im deutschsprachigen Europa sind neben Schlieren einzig in den Gaswerken Schöneberg und Mariendorf in Berlin noch historische Exemplare der einst weit verbreiteten Teleskop-Gasbehälter erhalten geblieben. Der Gasometer I ist deshalb nicht nur kantonal geschützt, sondern auch als A-Objekt im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung enthalten. Er ist zudem als Teil des Gaswerks Schlieren im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz in einem Gebiet mit Erhaltungsziel A als Einzelobjekt ebenfalls mit Erhaltungsziel A geführt.

Die dem Kanton Zürich gehörende Liegenschaft mit dem Gasometer I wurde 2001 für 25 Jahre im Baurecht an die Stiftung Gasometer Schlieren abgegeben. Damit verbunden war die Verpflichtung, den Gasometer und das Heizhäuschen, deren Einrichtungen, Anlagen und Zugänge sowie die nicht überbauten Teile des Baurechtsgrundstücks ordnungsgemäss und ihren Zwecken entsprechend zu unterhalten sowie eine Erstinstandstellung innert fünf Jahren durchzuführen. Diese Instandstellung geschah in den Jahren 2003 bis 2005 – wie man heute weiss, war sie nicht nachhaltig.

Der Baurechtsvertrag wird verlängert

Der Regierungsrat hat jetzt zusammen mit der Subvention für die Überdachung beschlossen, das kantonale Immobilienamt zu ermächtigen, den Baurechtsvertrag mit der Stiftung Gasometer Schlieren um weitere 25 Jahre zu verlängern. Die Stiftung verfügt über ein Vermögen von rund 1,1 Millionen Franken. Gemäss Bärtschiger sichert die Stiftung mit diesem Geld den weiteren Unterhalt des Gasometers I in den nächsten Jahren.

Ursprünglich sollte der Gasometer als dynamisches Baudenkmal weiterbestehen. Man wollte seine Funktionsweise Besuchern demonstrieren können. Doch dieser Betrieb war nicht von langer Dauer. Nach der Beendigung der Instandstellung 2005 dauerte es nur zwei Jahre, bis man merkte, dass Regenwasser in den Gasometer eindringt, und stellte den Demonstrationsbetrieb ein. 2017 wurde definitiv entschieden, das Bauwerk nicht als dynamisches Denkmal zu erhalten.

Text und Bild: Martin Gollmer

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