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Ronaldo rettete die Stimmung

Kultur
September 2018

Ein Restaurant an der Wagistrasse 7 ist Treffpunkt der Portugiesen aus Schlieren, aus dem übrigen Kanton Zürich und aus dem angrenzenden Aargau. Der «Schlieremer» hat anlässlich des Fussball-Weltmeisterschaftsspiels Portugal–Spanien einen Augenschein genommen.

 

Als ich am Freitagabend, 15. Juni, kurz vor 20 Uhr in der Casa do Benfica de Zurique eintreffe, erwartet mich Antonio Figueiredo schon. Er ist Präsident des Vereins, der hinter der Casa steht. Das Lokal, ein portugiesisches Restaurant, ist schon ziemlich voll. Kein Wunder: an diesem Abend wird Fussball gespielt. Auf dem Programm steht an der Weltmeisterschaft in Russland die Partie Portugal gegen Spanien.

 

Wir setzen uns an einen freien Tisch. Auf den drei an den Wänden aufgehängten Bildschirmen im Restaurant läuft ein portugiesischer Fernsehsender, der das Spiel überträgt. Die Stimmung ist erwartungsvoll gespannt. Wird Portugal den Erzrivalen Spanien schlagen können? «Es wird schwierig werden für unsere Mannschaft», sagt Figueiredo.

 

Es ist 20 Uhr. Das Spiel beginnt. Portugal hat Anspiel. Das Restaurant ist jetzt proppenvoll. Am Stammtisch haben sich die Hardcore-Fans breit gemacht. Auch der Tresen, an dem den Kellnern Getränke und Speisen gereicht werden, ist von Portugal-Fans in Beschlag genommen worden. Figueiredo erklärt mir, ein Auge immer auf einen der Bildschirme gerichtet, dass die Casa eigentlich der Treffpunkt der Fans des portugiesischen Fussballclubs Benfica Lissabon ist. Das Lokal ist denn auch voller Schals, Wimpel und Leibchen von Benfica. Solche Treffpunkte gebe es überall auf der Welt. Heute würden sich jedoch nicht nur Benfica-Fans in der Casa treffen, sondern Portugiesen überhaupt aus Schlieren, aus dem übrigen Kanton Zürich und den angrenzenden Orten des Kantons Aargau. Zweck des Vereins, der hinter der Casa stehe, sei es, Sprache und Kultur Portugals sowie die Geselligkeit zu pflegen.

 

4. Minute: Ein Aufschrei geht durch das Restaurant. Ronaldo, der portugiesische Superstar, ist im Strafraum gefoult worden. Es gibt Penalty. Ronaldo führt den Strafstoss gleich selbst aus. Er nimmt Anlauf – und trifft zum 1:0 für Portugal. Frenetischer Casa do Benfica de Zurique Jubel. Der Verein, der hinter der Casa steht, ist aber nicht nur ein Kulturverein. Er ist auch ein Fussballclub, wie Figueiredo berichtet. Rund 250 Sportler zwischen 5 und 50 Jahren gehörten ihm an. Spielen würden sie in insgesamt 14 Mannschaften. Die erste Mannschaft spiele in der
4. Liga. Die Heimspiele würden auf den Fussballplätzen im Juchhof ausgetragen. Vorerst jedenfalls noch. Denn die Stadt Zürich wolle auf den Anlagen in Zukunft nur noch Mannschaften spielen lassen, die zu 80 Prozent aus Spielern bestünden, die aus der Stadt selbst stammten. Das macht Figueiredo Sorge. Denn seine Mannschaften erfüllen diese Bedingung nicht. «Ich weiss noch nicht, wo meine Leute in Zukunft spielen werden», sagt er.

 

23. Minute: Spanien gleicht zum 1:1 aus. Betretenes Schweigen in der Casa. Das Restaurant mit seinen 92 Plätzen läuft gut. Im Winter sei es immer voll, erklärt Figueiredo. Im Sommer dagegen ist es oft nicht so gut besetzt. Viele Portugiesen seien dann in ihren Schrebergärten. Mit dem Erlös des Restaurants wird der Spielbetrieb der Fussballer finanziert. Geöffnet hat die Casa jeden Tag. Serviert werden portugiesische Spezialitäten. Zugänglich sei es aber nicht nur für Portugiesen, betont Figueiredo. Auch Italiener und Spanier sind im Lokal anzutreffen,
vereinzelt auch Schweizer.

 

43. Minute: Die Portugiesen im Restaurant schreien auf, Hände schnellen in die Höhe: Ronaldo hat nach einer schönen Einzelleistung das 2:1 für Portugal erzielt. Gegründet wurde die Casa do Benfica de Zurique 1971. Es sei damals das Hundertste Fan-Lokal gewesen, das weltweit aufgegangen sei, berichtet Figueiredo. Seit zehn Jahren befindet es sich an der Wagistrasse 7 in Schlieren.

 

54. bis 57. Minute: Die Spanier machen mit einem Doppelschlag innert dreier Minuten aus dem 2:1 für Portugal ein 2:3 für sich. Die Portugiesen schweigen eisern. Die Stimmung sinkt in den Keller. Der 50-jährige Figueiredo, der mit vollem Namen Antonio José Figueiredo Freitas Mendes heisst, ist seit 26 Jahren in der Schweiz. Gekommen sei er, weil seine bereits hier lebende Schwester gesagt habe, es wäre «tip top in der Schweiz». Mittlerweile ist Figueiredo gut integriert. Er wohnt mit seiner Frau, einer Tochter und einem Sohn in Dübendorf, wo die Familie ein Haus besitzt. Er hat eine Stelle als Vorarbeiter auf dem Bau. Seinem Deutsch merkt man es an, dass er dort nicht allzu oft die Sprache der Schweizer spricht.

 

86. Minute: Nochmals schauen die Portugiesen in der Casa voller Spannung auf die Bildschirme. Portugal hat einen Freistoss zugesprochen erhalten. Ronaldo legt sich den Ball zurecht, konzentriert sich, läuft an und schiesst den Ball herrlich um die spanische Mauer herum ins hohe rechte Eck: Portugal gleicht zum 3:3 aus. Die Portugiesen im Restaurant springen auf und jubeln. Mitglied des Vereins, der hinter der Casa steht, ist Figueiredo seit zwanzig Jahren. Seit drei Jahren ist er dessen Präsident. Früher habe er selber Fussball gespielt, erzählt er. Pro Monat wende er rund fünfzig Stunden für den Verein auf. Dazu gehöre auch eine regelmässige Präsenz in der Casa. Am Freitag, Samstag und Sonntag sei immer mindestens ein Vorstandsmitglied im Restaurant anwesend.

 

94: Minute: Der Schiedsrichter pfeift das Spiel ab. Portugal und Spanien trennen sich unentschieden 3:3. Nochmals brandet Applaus auf. Das Restaurant leert sich schnell. Die Portugiesen gehen nach draussen, um eine Zigarette zu rauchen und das Spiel Revue passieren zu lassen. «Nicht schlecht gespielt»,  sagt Figueiredo knapp und kann eine leise Enttäuschung nur schlecht verbergen. Er fügt fragend an: «Was wäre Portugal ohne Ronaldo gewesen?»

Ich verabschiede mich von Antonio Figueiredo. Auf dem Heimweg denke ich nochmals über den Abend in der Casa do Benfica de Zurique nach. Mein Fazit: Ronaldo hat die Stimmung der Portugiesen im Restaurant gerettet.

 

 

Text und Fotos: Martin Gollmer

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