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Schicksal eines grossen Wurfs und einer Familie

Geschichte, Home
Februar 2018

Im ersten Teil der Bahnhofsgeschichten haben wir gesehen, wie schon vor hundert Jahren der Neubau des Bahnhofgebäudes und die Umgestaltung der Bahnhofstrasse zu längeren Auseinandersetzungen führte – ganz ähnlich wie wir das heute mit der umstrittenen Begegnungszone wieder erleben.

 

Das Alte muss weichen: Zwei Restaurants stehen im Weg

Während all der Jahre von 1847 bis um 1920 sind die SBB zweispurig durchs Limmattal gedampft; in Schlieren gab es dazu noch die Industriegeleise Geistlich und Wagonsfabrik. Das genügte dem Verkehr nicht mehr; unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg begann der Ausbau der Strecke auf mindestens vier Geleise. Das benötigte Land wurde von den SBB enteignet, in Schlieren übrigens zu Preisen von ca. Fr. 7.– pro m2. Nördlich der alten Station musste das Wohnhaus des Viehhändlers Rudolf Hug weichen.

 

Die Erweiterung des «Aufnahmegebäudes», wie die SBB sagten, war umstritten, damals wie heute. Man wählte schliesslich die Lösung Neubau – den heutigen Bahnhof von Architekt Froelich. Er feiert übrigens bald Jubiläum: 2021 steht er hundert Jahre! Für die belastende (schon damals...!) Verkehrssituation wurde die Barriere abgebrochen, die Bahnhofstrasse südlich nur noch bis zu den Geleisen geführt und von dort in die ehemalige Industriestrasse entlang der Geleise (heute Grabenstrasse). Für die Verbindung nach Norden (Engstringerstrasse) wählte man die Variante «Überführung» östlich des damaligen Hotel­Restaurants Bahnhof über den Schienenstrang. Es waren auch andere Varianten, z.B. eine Unterführung, diskutiert worden.

 

Die Limmattalstrassenbahn war nicht unglücklich, hatte sie doch die Geleise der SBB auf der alten Bahnhofstrasse immer in einem komplizierten Verfahren überqueren müssen. Sie richtete auf der Ostseite der neuen Überführung eine Haltestelle ein.

 

Aber für zwei alteingesessene Lokale hatte die neue Überführung Folgen: Einerseits für das etwas erhöhte Hotel­Restaurant Bahnhof (eröffnet 1875 in einem Biedermeiergebäude als Hotel «Belvoir») und andererseits für das Restaurant Frohsinn südlich der damaligen Industriestrasse entlang der Geleise (heute Grabenstrasse). Beide mussten Federn lassen: Das Hotel Bahnhof, schon seit jeher mit Metzgerei, verlor seinen Hinterhof mit Gartenwirtschaft, und das Restaurant «Frohsinn» und auch sein Nachbar, der Fuhrhalter Näf, mussten der Überführung weichen. Der Frohsinn wurde etwas weiter östlich neu erbaut (heute, wo die Beizen alle drei Monate den Namen wechseln, heisst er Verde Minho – nein, neuerdings schon wieder anders, nämlich Buffalo...).

 

Flucht nach vorne: Wirt Hermann Werffelis grosser Wurf

Die Werffelis vom «Hotel Bahnhof» stammten aus Weiningen. Sie führten den Betrieb gemeinsam: Mutter Anna, Sohn Hermann als Koch und Wirt, und dessen Bruder Edwin als Metzger. Hermann Werffeli realisierte, dass ihm mit der neuen Verkehrssituation gewissermassen die Felle davonschwimmen würden. Der schöne Biergarten und das zugehörige Metzgerei- und Stallgebäude waren enteignet worden; das bestehende Haus, eingeklemmt zwischen zwei Strassenzügen, war seines Umfeldes beraubt.

Hermann war eine spannende Person, hatte Elektrotechnik studiert und war dazu ausgebildeter Koch. Er muss ein tatkräftiger, mutiger Mann gewesen sein und war zeitweise Mitglied einer Freimaurerloge. Seine Mutter Anna, weitgereist und weltgewandt, mag ihn unterstützt haben – jedenfalls entschloss er sich zur Flucht nach vorne, liess 1922 das alte Gebäude abreissen und einen grosszügigen, repräsentativan

repräsentativen Bau entwerfen. Architekt Robert Ruggli aus Zürich entwarf ein stolzes Gebäude im Stil des «Neuen Bauens» mit einem Zwiebelturm und den zeittypischen Mansarden im Obergeschoss. Charakteristisch waren auch die Rundbogenfenster und der Mittelrisalit mit dem Portal. Eine Wirtewohnung, Gäste- und Personalzimmer, Saal, Restaurant, Terrassen und wie schon immer eine Metzgerei gehörten dazu.

 

Das Haus war gewiss ein Schmuckstück – es wäre heute als Ensemble mit dem neuen Bahnhof wohl schützenswert. Aber: Schon der Bau selbst stand nicht unter einem guten Stern und zog sich lange hin, es gab Probleme mit dem Keller und der Kanalisation. Er war auch 1927 noch nicht fertig, und die Gästefrequenz brach ein. Vorher war der «Bahnhof» ein beliebter Treffpunkt gewesen, weil die oft geschlossene Barriere zum Verweilen zwang und aller Verkehr durch dieses Nadelöhr musste. Werffeli hatte ein solides und sicheres Einkommen gehabt. Die vorher lauschige Ostseite aber war nun «versperrt» von der neuen Strassenüberführung, vom Bahnhofplatz her kam zu wenig Kundschaft. Kam dazu, dass die 20er-Jahre Krisenzeiten waren – Werffelis Pläne gingen nicht auf.

 

Er war von Haus aus zwar durchaus vermöglich und ein tüchtiger Berufsmann, hatte alles in das Projekt gesteckt – aber er hatte sich übernommen. Die Banken hatten die Kredite nur zögerlich gesprochen. «Die Lebensfähigkeit des zukünftigen Unternehmens erscheint nicht sicher erbracht», hiess es etwa, «die Baukosten sind für Schlieren zu hoch.» Auch «hat der Architekt die Aufgabe in Schlieren nicht richtig verstanden und soll zugeben, dass sein Werk betrieblich ein verfehltes ist», wie ein Notar 1927 festhielt. Der Wirt selbst wurde verschiedentlich als fleissig, tüchtig und sparsam beschrieben. Werffeli kämpfte, versuchte sich sogar als eine Art Caterer für die SBB-Werkstätten in Zürich – aber 1927 kam das Haus unter den Hammer.

 

Deprimierende Usanzen in jener Zeit

Hermann Werffeli verlor sein ganzes eingesetztes Vermögen. Er zog weg und übernahm für kurze Zeit das Restaurant Bahnhof in Urdorf, aber in diesen Krisenzeiten war das kein Weg. So kehrte er in seinen andern Beruf zurück und arbeitete ab den 30er-Jahren als Techniker im Albiswerk bei Siemens. Was ihn am meisten traf, war, dass er als stolzer Unteroffizier nach dem Konkurs aus der Armee ausgeschlossen wurde. Das war damals so üblich; heute bräuchte es dafür (gemäss Militärgesetz § 21 und 22) ein Strafurteil wegen eines Verbrechens oder Vergehens. Umso bitterer für ihn, als er und sein Bruder immerhin 1923 noch ins Schlieremer Bürgerrecht aufgenommen worden waren!

 

Trauriges Ende für das Haus

Die neuen Besitzer, die bekannte Metzgerfamilie Anton Bisang und später dessen Sohn Eduard, erwarben den Betrieb aus der Konkursmasse und führten ihn weiter, ebenso das Schlachtlokal und die Rauchkammer, welche beide auch von anderen Metzgern benützt wurden. Restaurant und Hotel waren verpachtet; zu den damals bekannten Wirten gehörten die Familien Balmer und Iten.

 

Doch die Zeit der Hochkonjunktur brach dem Betrieb das Genick. Das verwinkelte Gebäude war, wie uns Frau Bisang erklärte, sehr anspruchsvoll und teuer im Unterhalt, auch das Hotel rentierte nie wirklich. So kam es, wie es kommen musste: Um 1968 erwarb es Baumeister J.F. Jost; nach dem Abriss wurde an seiner Stelle das heutige Geschäftshaus Bahnhofstrasse 6/8 erbaut (Architekt Arthur Jost). Es war dies der erste Bau in Elementbauweise in Schlieren, und das sieht man auch. Über Schönheit lässt sich bekanntlich nicht gut streiten. So lassen wir denn hier die äussere Wirkung dieses Zweckbaus gnädigerweise unkommentiert.

 

Ein Trost: Das beste Wiener Schnitzel

Der Name des Hotels und Restaurants Bahnhof ist verschwunden – aber ein Restaurant gibt es immer noch an der Stelle, etwas versteckt und sehr unprätentiös. Es ist das «Amadeus» von Wirt Reinhold «René» Lanz. Das Ambiente ist mittlerweile etwas in die Jahre gekommen, hat aber damit bereits seinen eigenen Charme entwickelt. Das Wichtigste aber: Das Wiener Schnitzel, das hier offeriert wird, sucht im ganzen Land seinesgleichen. Ein Kommentator brachte es im Mai 2017 es auf den Punkt: «Ich bin selber Österreicher und Koch und muss sagen, so toll gemachte und gute Schnitzel gibt es nicht einmal in Österreich.»

 

Also doch noch ein versöhnlicher Schluss des zweiten Teils der Bahnhofsgeschichten! Im dritten Teil wird es, ich verspreche es, ein bisschen makaber – aber weiterhin spannend.

Erstes Hotel Rest. Bahnhof, ehemals «Belvoir» erbaut 1875, um 1920.

Erstes Restaurant Frohsinn und Fuhrhalterei Näf. An der damaligen Industriestrasse (heute Grabenstrasse), erbaut 1890, 1907.

Perspektive von Osten her, die Überführung ist erbaut, noch nicht überbaut der Park der Wagi-Villa im Vordergrund (1934).

Perspektive von Norden her (1930er-Jahre).

 

Text und Fotos: Philipp Meier 

Ein Kommentar

  • Maribel Saez sagt:

    Lieber Philipp

    Ich kann Dir nur herzlichst für diese interessanten Geschichten danken.
    Schon in den Schulstunden bei Dir, rissen mich diese Vorträge mit; und noch heute erzähle ich einige Anekdoten meinen Kindern.
    Danke, dass ich weiterhin davon profitieren darf.

    LG,
    Maribel

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