Anmelden



Passwort vergessen Registrieren

Schlierens stolze Industriegeschichte

Geschichte
September 2017

1994 beschäftigte sich das Jahrheft von Schlieren mit der Firmengeschichte «Geistlich» – und niemand hätte gedacht, dass dieses stolze Traditionsunternehmen bald schon seine Produktion hier aufgeben würde. Es war 1869 die erste Ansiedlung von Industrie gewesen, im damaligen Bauerndörflein wohl mit gemischten Gefühlen begrüsst. Einerseits mag man den Aufschwung sehnlichst herbeigewünscht haben – musste es aber eine Leimfabrik sein? Man wusste, dass das Gewerbe des Leimsieders auch mit Immissionen verbunden war.

 

Leimfabrikation in Schlieren

Heinrich Glättli hatte 1851 in Zürich-Riesbach eine Leimfabrik gegründet. Zur Produktion wurden damals Knochen, Schlachtabfälle und Hasenfelle gebraucht – und eine grosse Menge Wasser. Glättli war ein weitsichtiger, unternehmerischer Mann, fand aber bald Widerstände. Riesbach wurde zur Wohngegend von Betuchten, welche keine Freude an den Düften und Gerüchen des Fabrikleins hatten. Sie machten auch Bedenken wegen des Wassers geltend. So suchte sich Glättli einen Ort, wo es frische Luft und keine verärgerten Anwohner gab: Schlieren! Das Wasser gedachte er sich zunächst aus der Limmat zu beschaffen; als das nicht ging, verlangte und erhielt er eine Konzession für das Grundwasser.

 

Die Gemeinde Schlieren verkaufte ihm 1867 Allmend-Land jenseits der Bahnlinie, und 1869 nahm Glättli mit der Knochenentfettung den Betrieb in Schlieren auf. 1873 erfolgte die  Verlegung der Leimfabrik von Riesbach hierher. Damals umfasste der Betrieb sieben Mitarbeiter.

 

Woher dann der Name «Geistlich», wird man fragen. Nun, 1872 trat Eduard Geistlich als Schlosser in die Firma ein; 1876 starb Heinrich Glättli, und 1880 übernahmen Vater Johann Heinrich und Sohn Eduard Geistlich die Firma käuflich. 1907 wurde die Einzelfirma in eine Aktiengesellschaft umgewandelt; einige Mitglieder der weitverzweigten Familie arbeiteten bis in die jüngste Zeit in der Produktion mit.

 

Blick auf die Täufergeschichte

Der Ursprung der Firma ist ohne einen Seitenblick auf die Täufer nicht verständlich. Denn: Alle Beteiligten waren tüchtige Berufsleute – und Glaubensbrüder. Glättli war ein Täufer, und auch Johann Heinrich Geistlich, (1824 – 1884), war ein begabter Prediger, Lehrer und Evangelist. Seine Vorfahren waren aus dem Raum Göttigen (D) ins Zürichseegebiet zugwandert; 1881 wurde er Schlieremer Bürger. Er hatte die Lehre der «Neutäufer» in Strassburg kennen gelernt und schon an seinem ersten Wohnort Meilen Gottesdienst gehalten. Während noch in den 1840er-Jahren die unterlassene Kindestaufe mit Zuchthaus bestraft wurde, erlaubte die neue Bundesverfassung 1848 die freie Religionsausübung. So wurden u.a. am Zürichhorn Erwachsene getauft oder wieder getauft – daher der Name «Wiedertäufer». Zu Beginn der Firmentätigkeit waren wohl die meisten Beschäftigten, sicher aber die höheren Angestellten, Täufer.

 

Ein sozialer Arbeitgeber

Die Firma blühte und wuchs. Geistlichs waren tatkräftige, initiative Geschäftsleute. In weitsichtiger Weise wurde im Jahr 1899 die Knopffabrik Josef Meyer in Wolhusen LU (Knöpfe wurden aus Horn gemacht) übernommen. Nebst Produkten aus Knochen (Leim und Dünger) wurde auch Futter hergestellt.

 

Dieser wirtschaftliche Erfolg ging Hand in Hand auch mit Fürsorge für die Angestellten. Es gab zum Beispiel keine Kinderarbeit, hingegen schon sehr früh eine Unfallversicherung (1895), einen Kindergarten (1902), eine Krankenkasse und sogar Renten wurden ausgerichtet. 1910 wurde ein Wohlfahrtshaus für die Angestellten erbaut (Architekt Ed. Brunner, Zürich) mit Speisesaal, Brausebädern usw. Das «Nähhüsli» an der Schulstrasse geht auf Frau Karoline Geistlich zurück; sie ermöglichte diesen Bau (damals war es der erste öffentliche Kindergarten) mit der Übernahme eines Schuldbriefes.

 

Die BSE-Krise zwingt zum Wandel

Knochen aus dem Inland waren lange Jahre ein Hauptrohstoff für Geistlich in Schlieren – aber sie verschafften der altehrwürdigen Firma zeitweise auch einen zwiespältigen Ruf. Anlieferung (anfänglich per Bahn, später per Speziallastwagen) und Verarbeitung waren eben auch mit Immissionen verbunden, trotz vielfacher Anstrengungen und modernster Filterverfahren.

 

Den Knochen als Rohstoff zu nutzen und zu verwerten macht gewiss Sinn. Aus Knochen wurde in Schlieren ursprünglich Leime und Düngemittel, ab 1982 Ausgangsmaterialien für die Produktion von Fotogelatine und für die Futtermittelindustrie hergestellt.

 

In den 90er Jahren veränderte die BSE-Krise jedoch alles! Ursprünglich war die Bovine Spongiforme Encephalopathie in Schafherden in England ausgebrochen. Durch nicht konforme Herstellung von Futtermitteln aus Schlachtnebenprodukten übertrug sich die Seuche rasch auf Rinder und weitete sich über den Futterhandel bald in ganz Europa aus. Als auch erste Menschen infiziert wurden und an einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit erkrankten, war ganz Europa geschockt. Mehrfach stellte Geistlich die Verarbeitung um und passte sie stets den neuesten Erkenntnissen und Vorschriften an.

 

Aber nachdem die Behörden im Jahr 2000 ein generelles Fütterungsverbot von tierischen Materialien erliessen, landeten über 50'000 Tonnen einheimischer Knochen pro Jahr in Schlieren zur Entsorgung. Die daraus hergestellten einst wertvollen Eiweisse und Fette musste man ab sofort in die Verbrennung geben. Sie werden in der Tiermast heute durch pflanzliche (auch importierte) Produkte ersetzt.

 

2006 wurde die Knochenverarbeitung aufgegeben. Seither werden Knochen aus Schweizer Schlachtbetrieben im Ausland verarbeitet.

 

Verschiedene Standbeine und internationales Geflecht

Wenn eine Firma an die 150 Jahre existiert, so hat das Gründe. Bei Geistlich erkannte man schon früh, dass für ein längeres Bestehen eine Diversifikation nur Vorteile hat. So wurden in Schlieren nicht nur Knochenleime, sondern auch verschiedene synthetische Klebemittel hergestellt. Aus der erwähnten Wolhuser Knopffabrik wurde ein weltweit führendes Unternehmen der Biomedizin; die Firma ist an der Spitze für Knochenaufbaupräparate in der Zahnmedizin. So ist die Firma dem Knochen treu geblieben – bis in die heutige Zeit! In Zofingen werden Reinigungstücher hergestellt, in Baden-Baden kosmetische Produkte für sensible Haut, z.B. für Babies.

 

So ist aus der «Lymhütte» in bald 150 Jahren eine Holdinggesellschaft geworden, deren Sitz in Schlieren liegt – immer noch im Besitz der Familie Geistlich. Tochtergesellschaften sind die Geistlich Immobilia AG (Schlieren), die Geistlich Pharma AG (Wolhusen), die Delta Zofingen AG und die GEWO AG (Baden-Baden). Die Geistlich Pharma AG wiederum hat 11 Tochtergesellschaften für den weltweiten Vertrieb der Dentalprodukte (USA, Brasilien, China, Indien, Korea, Australien, Neuseeland, Deutschland, Frankreich, England, Italien).

 
Wehmut: Ein historisches Ensemble verschwindet

Panta Rhei – Heraklit sagte es schon: Alles fliesst. Was felsenfest gefügt schien, muss weichen. Wir wissen das – und doch werden viele Schlieremer in den letzten Monaten und Jahren nachdenklich auf das verschwundene Fabrikareal geblickt haben.

 

Mit dem Abbruch der Fabrik im vergangenen Herbst verschwanden die Zeugen dieser fast 150-jährigen Industriegeschichte. Grund für Wehmut – denn mit den Gebäuden, wenn sie auch keine Architektur-Denkmäler darstellten, verschwand ein Teil der Erinnerungen, der Identifikation mit der Stadt. Wir wollen nicht vergessen, dass auch die Familie in all den Jahren ihren Beitrag für das Wohl der Stadt geleistet hat – sei es als Arbeitgeber, durch die Übernahme von Ämtern oder durch tatkräftige Beiträge und Förderung öffentlicher Institutionen.

 

Im Rietpark wird nun ein ansprechendes Wohnquartier entstehen – gut so. Ob man sich aber mit Neubauten anfreunden wird, die ebenso gut anderswo stehen könnten? Denn nicht wahr: Grad eine Schönheit war die «Lymi» nicht – aber typisch für Schlieren halt schon!

 

 

Text: Philipp Meier, Fotos: Jahrheft von Schlieren 1994

Kommentar abgeben

* Pflichtfelder