Schlieren
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Weitsichtige Schlieremer in schwierigen Zeiten

Ganz schön tatkräftig, unsere Vorfahren vor 120 Jahren! Ein stolzes Schulhaus wurde erbaut (Grabenstrasse), die Kanalisation eingeführt, die Elektrizität hielt Einzug, und nun musste noch ein neuer Friedhof ins Auge gefasst werden. Dies alles bei schweren Lebensumständen.

 

Der Schlieremer Friedhof ist in seiner Anlage eine kleine Perle, aber er ist nicht die erste Bestattungsstätte. Im letzten «Schlieremer» berichteten wir von den Funden aus der Steinzeit bis hin zu Grabstätten der Römer und Alemannen. Nun wenden wir uns dem Mittelalter und der Neuzeit zu – der Zeit, aus der uns bereits christliche Zeugnisse vorliegen.

 

Da denken wir als erstes an den Friedhof um die alte reformierte Kirche herum – der «Kirchhof», wie man dem früher völlig zu Recht sagte. Wie lange mag es her sein, dass unsere Vorfahren ihre Toten hier beerdigten? Schwierig zu sagen – wir wissen ja nicht einmal genau, wann die Agatha-Kirche erbaut wurde!

 

Unsere «alte Kirche»: Ursprung im Dunkeln

Peter Ringger hat in seinem Standardwerk «Aus der Geschichte der Alten Reformierten Kirche» das wechselvolle Schicksal des ehrwürdigen Kirchleins aufgezeichnet. Das Dörflein Schlieren wird 828 erstmals schriftlich erwähnt. Wie alt aber die St. Agatha-Kapelle ist, wissen wir nicht. (Agatha gilt als Schutzheilige gegen Brusterkrankungen; sie wird bei Erdbeben, Feuer und Viehseuchen angerufen). Schon vor 1245 muss eine Kapelle hier gestanden haben, möglicherweise am Standort eines römischen Heiligtums – hat doch ein Pfarrer Simmer zu Ende des 16. Jahrhunderts «römische Krüglein, Bildnisse und Münzen» gefunden. Das Kirchlein war zunächst wohl nur ein etwa 8×11 m grosser Saalbau, dem erst später ein quadratischer Chor und im 15. Jahrhundert darauf der Turm mit Glockenstuhl angefügt wurde. 1937 wurde die grosse, neue Kirche errichtet mit einem Verbindungsbau; gleichzeitig wurde der Turm um 2 m erhöht und damit Platz für vier grosse Zifferblätter geschaffen.

 

Der Kirchhof und das Beinhaus

Wie landauf, landab üblich, wurden die Toten auch in Schlieren um die Kirche herum, eben auf dem «Kirchhof» bestattet. Der Raum wurde mit einer schützenden Mauer umstellt, so entstand der «Kirchhof». Grabmale gab es vorerst nicht; meistens wurden hölzerne Grabbretter mit der Namensaufschrift eingesetzt, welche natürlich rasch verfaulten. Erst 1851 fragte ein Gustav Bräm, ob ihm erlaubt würde, für seine Eltern einen Grabstein zu setzen. Das wurde ihm erlaubt unter der Bedingung, dass er ihn wieder wegnähme, «sobald die Begräbnisreihe wieder dort wäre».

 

Wenn man den Protokolleinträgen der Kirchenpflege Glauben schenkt, scheint es mit dem Respekt gegenüber dem Kirchhof nicht sehr weit her gewesen zu sein. Es fehlte an Geld für den Unterhalt: Die Mauer musste immer wieder – meist notdürftig – instand gesetzt werden. Von drei Durchgängen mit halbzerfallenen hölzernen Flügeltüren wurden schliesslich zwei zugemauert, und eines, das zum Pfarrhaus hin, erhielt ein eisernes Tor. Eine Verbotstafel wurde angebracht, um das «Zertreten der Gräber und Abreissen von Blumen» zu unterbinden. Auch mit den Totengräbern gab es immer wieder Auseinandersetzungen über ihr Benehmen. Die Gräber wurden offenbar recht planlos angelegt; erst 1864 erhielten sie eine Nummer und es wurden Grabreihen geplant.

 

Die Kindergräber befanden sich im Nordosten des Turmes: Man nannte sie «Gräber III. Cl.», und es waren ihrer recht viele, denn die Kindersterblichkeit war hoch. Der Siegrist / Totengräber bekam die Auflage, auch diese Gräber «min. 4 ½ Fuss tief auszuheben», mit einem seitlichen Abstand von einem Fuss. Am südlichen Rande der Mauer wurde ein sog. Beinhaus errichtet; hier wurden allfällige Gebeine, welche bei Neubestattungen zum Vorschein kamen, aufbewahrt. Der Grund war ein ganz prosaischer, nämlich eine gewisse Platznot. Die Bevölkerungszunahme zwang die Behörden, die Grabplätze in kurzer Frist wieder zu belegen. Auch Schlieren wuchs stark um die vorletzte Jahrhundertwende: Zählte man 1892 noch 190 Stimmberechtigte (nur Männer …), so waren es 15 Jahre später mehr als doppelt so viele, nämlich 460. Der Kirchhof wurde definitiv zu klein; hinzu kam, dass die sanitarischen Anforderungen grösser wurden. Es fehlte z.B. ein Leichenhäuschen

 

Seitenblick auf die Lebensumstände vor 120 Jahren

«Die gute alte Zeit» – von wegen! Wer in den alten Dokumenten und Protokollen z. B. der Gesundheitskommission Schlierens blättert, dem kommen Zweifel. Die beiden Ärzte Dr. Julius Weber und sein Nachfolger Dr. Hans Kuhn berichteten regelmässig von Fällen von Diphtherie, Keuchhusten, Pocken, Tuberkulose (Schwindsucht) und Typhus. Vieh musste wegen der Übertragung der Tuberkulose notgeschlachtet werden, die Ärzte warnten vor dem Einschleppen der Cholera aus Russland. Die Kommission beschloss 1909 die Anschaffung von 20 Spucknäpfen System «Jungbluth», um sie in den öffentlichen Lokalen, v.a. der Schule, aufzustellen. Die Kinder wurden angehalten, nicht mehr auf den Boden zu spucken.

 

Wenn die Not gross ist, greift man zu dubiosen Methoden: 1903 wurde die Wunderheilerin Frau Baycoud vom Statthalteramt gebüsst, weil sie an Scharlach erkrankten Kindern eigene Medizin und Behandlung verabreicht hatte – dies trotz «ernstlicher Proteste» der beiden Ärzte. Ein fünfjähriger Knabe starb daran.

 

Die sanitarischen Verhältnisse waren prekär: In den Metzgereien fanden sich unappetitliche Zustände. Bewohner im Bodenquartier wurden wiederholt bestraft, weil sie die Jauchetröge ihrer Mehrfamilienhäuser einfach auf benachbarte Felder leerten. Im damaligen Josefsheim an der Zürcherstrasse (in einem Protokoll «Kinderbewahranstalt» genannt) trat Scharlach auf, und die Aborte hatten keine Spülung. Der Kantonschemiker stellte 1906 bei der Untersuchung von hiesigem Most und Wein lakonisch fest, der Most solle «vom Verkauf ausgeschlossen werden, weil er Essigstich hat», während die Weinproben «vom chemischen Standpunkte aus nicht beanstandet werden können, aber als sehr geringe oder minderwertige Qualität» zu taxieren seien… Immer wieder gab es Klagen bis zum Regierungsrat wegen der «pestilentischen Gerüche» bei der Leimfabrik Geistlich; es gab sogar wilde Vermutungen, diese Gerüche hätten etwas zu tun mit den Todesfällen an Tuberkulose.

 

Auf der Gemeinde lasteten grosse Ausgaben. 1900 wurden die letzten 40 % des von der Gemeinde gezeichneten Aktien-Anteils an die Limmattalbahn bezahlt. 1901 war das neue «grüne» Schulhaus an der Grabenstrasse eingeweiht worden; 1907 wurde die Schulhausstrasse bis zur Allmendstrasse hin ausgebaut. Gleichzeitig wurde der Aufbau einer Kanalisation beschlossen. Gemeindepräsident war 1901–1930 (!!) Johannes Wismer. Er warb an der Gemeindeversammlung: «Gemeinden mit Kanalisation sind attraktiv und ziehen Steuerkapital herbei, das sich sonst flüchtig macht». In Quartieren mit Schlamm, Morast und üblen Dünsten würden «Krankheiten Thür und Thor» geöffnet. Im gleichen Jahr wurde erstmals ein Vertrag mit dem Elektrizitätswerk Dietikon abgeschlossen zur Lieferung von elektrischer Energie. 1911 wurde auf freiwilliger Basis eine einfache Kehrichtabfuhr eingerichtet.

 

Der neue Friedhof, eröffnet 1908

Zurück zum Kirchhof. Einem neueren Bedürfnis entsprechend, hatte man noch 1900 beschlossen, ein einfaches Leichenhäuschen an der südöstlichen Ecke des Kirchhofes zu erstellen. Die Verstorbenen waren bis anhin in ihrem Heim aufgebahrt worden. In den Jahren 1904/1905 wurde aber klar, dass der Platz für Gräber in absehbarer Zeit nicht mehr genügen würde. Und hier zeigt es sich einmal mehr, dass unsere Vorfahren durchaus weitsichtig handeln konnten: Obwohl die Gemeinde ja hohe Lasten zu tragen hatte, entschied sie sich, einen neuen Friedhof zu erstellen. Von einer Erweiterung des Kirchhofes wurde Abstand genommen, «weil heute die Tendenz überall dahin geht, die Friedhöfe ausserhalb der Peripherie der Wohnhäuser zu verlegen» und «andererseits die Kosten des Landerwerbs kaum billiger zu stehen kämen».

 

1906 wurden mehrere Standorte evaluiert, u.a. hinter der Mühle (heute Betreutes Wohnen Mühleacker) und am Abhang unter der Station Urdorf. Nach der Überprüfung der Bodenbeschaffenheit mit Sondierungsbohrungen ging es rasch: Mit vier Grundeigentümern im Kessler wurden Kaufverträge abgeschlossen; dieses Gebiet lag damals ausserhalb des Überbauten. Um für die Zukunft gerüstet zu sein, wurden etwa 5300 m2 Land erworben zum Preis von etwa Fr. 1.30 pro m2; im Moment nötig gewesen wäre nur etwa die Hälfte. (Man sprach von «den nächsten Dezennien in unserer der Entwicklung prädestinierten Gemeinde».) An der Gemeindeversammlung vom 28.10.1906 wurde der Landkauf beschlossen und am 16.2.1908 das Friedhofprojekt genehmigt. Schon am Sonntag, 22.11.1908, war Einweihung mit einer bescheidenen Feier in der Kirche und einem Abendessen in der Lilie. Die Jahreszahl prangt noch heute über dem nördlichen Eingangstor. Im Feb­ruar 1909 wurde die erste Bestattung durchgeführt; der alte Kirchhof – man muss es sagen – verwahrloste zusehends. Bis 1939 wurde ausschliesslich der nördlichste Teil des Friedhofs, also der an der Urdorferstrasse gelegene, benützt.

 

Man war weitsichtig – aber auch sparsam. Die Gesundheitskommission hatte verschiedene Friedhöfe in der Umgebung besucht, wollte aber «deren beengenden und eintönigen Eindruck» vermeiden, dafür «der Anlage ohne übermässige Geldaufwendung einigermassen eine künstlerische und stimmungsvolle Ausbildung verleihen». Die Einfriedung sollte «gefällig und nicht allzu teuer sein». Es wurde so um jeden Brunnen, den Eisenhag, die Bepflästerung und die Bepflanzung gerungen.

 

Der Erbauer des Friedhofs: Ein trauriges Schicksal

Entworfen hat den neuen Friedhof der Tessiner Stefano Luisoni. Seine Anlage, liebevoll ins Gelände eingepasst, umfasste etwa 2500 m2, dessen Grundelemente (Wege, Brunnen) noch heute zu erkennen sind. Wir werden im nächsten «Schlieremer» darauf und auf seine weitere Entwicklung zurückkommen. Luisoni war eine einflussreiche Persönlichkeit: Universell gebildeter Geometer, Lehrer und Kantonsrat; arbeitete zunächst für die öffentliche Hand (z.B. Rheinkorrektion oder die Kanalisation in Schaffhausen) und machte sich dann selbständig. Eben hatte er am Brunnackersteig mit dem Architekten Franz Bruno Frisch (Vater von Max Frisch) für seine 6-köpfige Familie eine Villa erbaut, da ereilte ihn das Schicksal. Bei einem tragischen Selbstunfall bei der Jagd verstarb er 1912, erst 37-jährig, und wurde als einer der ersten auf «seinem» Friedhof bestattet.

 

Mehr vom neuen Friedhof – und seinen späteren Erweiterungen – im nächsten «Schlieremer».

Quellen: Ringger Peter: «Aus der Geschichte der alten, ref. Kirche»

 

Text: Philipp Meier, Fotos: Kant. Hochbauamt, Kant. Denkmalpflege, Archiv Meier, Dokumente Archiv Stadt Schlieren