Schlieren
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Wir sind nicht die Ersten hier

Sie waren vor uns da: Menschen der Steinzeit, Kelten, Römer, Alemannen – und sie hinterliessen Spuren.

 

Auch wenn wir Schlieren mit seiner stürmischen Entwicklung der letzten Jahre manchmal als gesichtslos wahrnehmen, so wissen wir doch: Es gibt schöne Ecken – etwa den Stadtpark um die Reformierte Kirche herum, oder Partien an der Limmat oder dann den freien Schlierenberg. Eine Ecke aber wird gerne übersehen, dabei ist sie eine stille Oase: Der Friedhof – ein ehrwürdiger Zeuge der Entwicklung und Geschichte, zugleich ein Hort reicher Fauna und Flora. Besonders auf den älteren Teil des «Neuen Friedhofs», südlich der Urdorferstrasse, dürfen wir stolz sein. Unsere Vorfahren haben weitsichtig und gemeinnützig gehandelt.

 

Einen Friedhof betritt man meist mit etwas gemischten Gefühlen – wir lassen uns nicht so gern an die Endlichkeit unseres Daseins erinnern. Gleichzeitig strahlen diese Parks eine gewisse Würde und Gelassenheit aus. Vielleicht gerade deswegen gehören sie zu den schönsten Oasen in unseren geschäftigen Zeiten. Für den Schlieremer Friedhof gilt das ganz gewiss, und auf seine Geschichte dürfen wir stolz sein. Im Städtischen Jahrheft 2007 wurde seine Vergangenheit beleuchtet. Wir wollen aber den Bogen etwas weiter spannen – darum zunächst zu den ersten uns bekannten Bewohnern zurück.

 

Wir sind nicht die Ersten im Tal

Wir vergessen gerne, dass lange vor uns Menschen hier lebten – wir sind auch nicht die Ersten, die ihre Toten hier bestatten. Nur schon unser Friedhof, erbaut 1908, hatte einen Vorgänger – den Kirchhof um die alte reformierte Kirche herum. Aber auch dieser Kirchhof war gewiss nicht die erste Grabstätte hier.

 

Das Limmattal wurde sicher schon seit Jahrtausenden besiedelt, und die Menschen haben ihre Verstorbenen, gemäss ihrem Ritus, auch hier bestattet. Der sogenannte «Moderne Mensch» wird auch bei uns unterwegs gewesen sein, allerdings nicht in grosser Zahl, als Jäger und Sammler. Was vor und während der letzten Eiszeit war, wissen wir nicht: Der Linth-Gletscher hobelte alle Spuren weg und hinterliess uns Moränen, Seen und Kiesschichten. Einen (zufälligen, aber hochinteressanten) Zeugen haben wir dennoch, den ältesten aus dem Kanton Zürich: Im Jahr 1954 fand Malermeister Max Steiner an der Urdorferstrasse 32 einen Faustkeil, mindestens 100 000 Jahre alt. Unter welchen Umständen er dorthin geraten ist, weiss man natürlich nicht, vielleicht durch Alluvionen (Geschiebe).

 

Auch sonst wissen wir verhältnismässig wenig von unseren Vorgängern und noch weniger von ihrer Kultur. Glaubten sie an ein Jenseits? Wie war ihre Sprache? Gewiss: Um vielleicht 5000 v.Chr. mögen einige auch bei uns sesshaft geworden sein; der Übergang vom Jäger/Sammler zur Landwirtschaft war nicht abrupt. Erste Spuren davon sind z.B. die berühmten Pfahlbauerdörfer. Später, in der Bronzezeit, wurde Bronze (wegen des Glanzes) zunächst als Schmuck und Statussymbol, später als Waffe oder Werkzeug verwendet. Römer waren sicher auch hier; schliesslich führte die Strasse Zürich-Baden durch unser Dorf. In Dietikon fand man Spuren eines römischen Gutshofes.

 

Funde aus der Steinzeit und von den Römern

Auch bei uns hinterliessen diese Römer Spuren – aber keine Gräber. Möglich, dass im Südosten, im Gebiet gegen Altstetten, ein Hof lag. Der Schlieremer Pfarrer J.W. Simmler fand im 16. Jahrhundert beim Gemäuer des Beinhauses (das lag südlich des damaligen Friedhofes) «heidnische Krüglein, Bildnisse und Münzen»; er geht davon aus, dass hier ein «Götzenhäuschen» gestanden habe. Die Regierung verbot aber weitere Nachforschungen. 1860 fand man bei Umbauten in der Mühle (heute Siedlung Mühleacker) römische Ziegel und Amphorenteile und ein mit Tuffsteinen eingefasstes Grab. Es enthielt als Grabbeigabe einen Gagatring (das ist versteinertes Holz) und ein eisernes Schwert, ca. 40 cm lang. Bei den Fundamentgrabungen im Gaswerk 1899 kamen römische Münzen zum Vorschein und 1980 beim Bau der Abdankungshalle zum Friedhof wiederum römische Tonscherben. Die Ziegelfragmente deuten auf eine römische Besiedelung hin.

 

Grabfunde zeigen dauerhafte Besiedelung an

Grabfunde weisen immer auf dauerhafte Besiedelung hin. So wurden 1930 im Bundental Grabbeigaben gefunden. Es handelte sich vermutlich um Brandgräber, die auf die Urnenfelderkultur hinweisen (um 1300 – 800 v.Chr.) verweisen.

 

1964 stiess man beim Verlegen von Telefonkabeln unter dem Vorplatz des damaligen Restaurants Lilie wiederum auf mehrere Gräber. Sie sind in einer Reihe angeordnet und mit Tuffstein solide eingefasst. Auch Grabbeigaben kamen zum Vorschein, z. B. Glasperlen. Die Toten lagen mit den Füssen gegen Osten – vielleicht waren es Christen.

 

Das deutet auf eine feste Begräbnisstätte hin, vielleicht auf eine Art Friedhof – und damit auch auf eine feste Besiedelung. Die Funde von 1874 und 1964 werden den Alemannen zugerechnet. Diese waren um 500 bis 600 n.Chr. von Süddeutschland her ins schweizerische Mittelland eingewandert. Auffällig ist, dass sich diese Funde aus späteren historischen Zeiten auf das heutige Zentrum konzentrieren. Alemannen siedelten offenbar genau dort, wo auch wir heute die Mitte Schlierens wahrnehmen und entlang des (heute eingedeckten) Dorfbaches. (Übrigens: Die erste schriftliche Erwähnung Schlierens stammt aus dem Jahr 828 n.Chr.!)

 

Könnte es sein, dass unter unserem Boden noch weitere Funde verborgen sind? Ja, natürlich – und gerade so gut kann es sein, dass bei den Bauarbeiten der letzten Jahrzehnte Spuren und Relikte unwiederbringlich verloren gegangen sind. Man vermutet z. B., dass in Schlieren römische Überreste im Gebiet gegen Altstetten zu finden sind.

 

Im nächsten Beitrag werden wir uns mit dem ehemaligen Kirchhof um die kleine, alte Kirche herum und der Zeit vor dem ersten Weltkrieg beschäftigen.

 

Quellen: Nationalmuseum Zürich, Kantonsarchäologie und Jahrhefte Schlieren

 

Text: Philipp Meier, Foto: ZVG