Montag, Juli 22, 2024
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Wirt Pal Komani sorgt für frischen Wind

Die neuere Geschichte des Restaurants Salmen im Zentrum wird auch geprägt von den Vorstellungen und Bedürfnissen einer Stadt rund um ihren Saal – und auch von geplatzten Träumen. Doch es gibt Hoffnung.

Der «Schlieremer» hat in den letzten beiden Ausgaben die lange Geschichte des «Salmen» – des einstigen Wahrzeichens von Schlieren – aufgerollt. Die städtebaulich wichtige Ecke, erstmals erwähnt 1589, später als Marxen-Hof bezeichnet, diente in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Werkhof für den im Volk damals «Grossmufti» genannten Bauunternehmer Lemp. Durch geschicktes Verhandeln erreichte die Gemeinde, dass 1957 hier ein Restaurant mit dem ersehnten Saal durch private Bauträger (Brauerei Salmen) erstellt wurde. Der Deal: Die Gemeinde und damit die Vereine erhielten ein Benützungs- und Vorkaufsrecht.

Es folgten die «Goldenen Zeiten»: Während Jahrzehnten war der Saal ein kultureller Leuchtturm im Limmattal, berühmt und geschätzt, weil die Vereine sich hier präsentieren konnten, weil Musikanten und Theatertruppen gerne auftraten, der Saal eine hervorragende Akustik hatte und schlicht für alles passte – Politik, Feste, Ausstellungen, Märkte, Kongresse, Film und Theater.

Viel Engagement der Stadt
Auch die Stadt trug das Ihre zum Blühen bei. Schon 1957 (als der Nutzungs-Vertrag mit der damaligen Bauherrschaft Salmen in Kraft trat) sprach die Gemeinde einen A-fonds-perdu-Beitrag von 350’000 Franken. Seitdem wurden in mehreren Etappen mehr als 1,3 Millionen Franken investiert. So 1981 bei der Mitfinanzierung der Renovation 820’000 Franken und im Jahr 2000 wiederum fast 100’000 Franken. Am 8. Dezember 2000 wurde das neu «Kongress- und Stadtsaal» benannte Ensemble feierlich eröffnet. Die Stadt verpflichtete sich für einen regelmässigen Unkostenbeitrag von 30’000 Franken pro Jahr. Drei Jahre später folgte der Ersatz von Mobiliar und Bühnentechnik; Anteil der Stadt 187’000 Franken.

Die Salmen-Kommission, prominent besetzt mit Vertretern der Stadt (u.a. Albert Schweizer, Robert Bickel, Walter Stalder, Rolf Wild sowie den Stadträten Peter Voser, Toni Brühlmann und Manueal Stiefel) begleitete und unterstützte während all diesen Jahren das Geschehen. Unzählige Varianten wurden gewälzt, Sitzungen zur Vermittlung zwischen Vereinen, Eigentümern und Geranten abgehalten. Saalreglemente wurden erstellt, Tarife ausgehandelt, Differenzen bereinigt.

Verpasste Chancen
«Panta rhei» (griechisch für «alles fliesst») galt besonders auch für unseren «Salmen». Die Besitzerschaft wechselte mehrmals, die Pächter ebenso. Das Auf und Ab widerspiegelt sich auch in den gewälzten und zerschlagenen Plänen.

Was Albert Schweizer, Bereichsleiter Liegenschaften und Standortförderer in Schlieren, zum «Salmen» sagt, fasst das Geschehen zusammen: «Der Salmen hat mich in den letzten 22 Jahren einiges an Nerven gekostet und vermutlich auch ein paar Haare.» Sein sorgenvolles Wort beschreibt das Wechselspiel der letzten beiden Jahrzehnte treffend. Als Eigentümer folgten auf die Salmenbrauerei die Hürlimann Immobilien, dann die REG (Real Estate AG), kurz darauf die PSP (Swiss Property Management AG), und heute ist es die SFP Swiss Finance & Property AG. Deren Interessen sind naturgemäss in erster Linie finanzieller Art.

Immer wieder stand auch der Verkauf (bzw. der Kauf durch Schlieren) im Raum. 1999 ergab eine Schätzung durch die Zürcher Kantonalbank einen Verkehrswert von 5,9 Millionen Franken – wobei der Saal als «kaum marktgängig» taxiert wurde; er sei kaum wirtschaftlich zu betreiben. Nur die Stadt käme hier als Käuferin in Frage. 2003 fragte die REG (Real Estate AG) Schlieren an, ob man das Ensemble für 4,9 Millionen Franken kaufen wolle, und wenig später stand ein Verkauf für 4,5 Millionen Franken zur Debatte. Beide Anläufe scheiterten schliesslich. Die Führung eines Stadtsaal sei keine Kernaufgabe, hiess es etwa. Nur noch wenige Vereine nützten den Salmen, und sowieso: Die Finanzlage lasse in den nächsten zehn Jahren keinen Stadtsaalbau zu. Die Eigentümer wollten letztendlich dann doch nicht verkaufen: Es ist im heutigen Marktumfeld schwer, gute Renditen zu erzielen – und der «Salmen» ist so gesehen eine cash-cow.

Hochfliegende Pläne und ein Scherbenhaufen
Schon Sepp Stappung (1923–2010, Schlieremer Nationalrat 1983–1991) soll vorgeschlagen haben: «Mached doch us em Salme es Altersheim» – auf gut Deutsch: Die Stadt soll das Ensemble übernehmen. Nicht nur Stappung machte sich Gedanken über den Salmen. Gemeinderat Jürg Naumann verlangte 2011 mit einem Postulat die Umwandlung des Salmensaals in einen Stadtsaal. Eigentlich dachte er an einen Neubau; das Benützungsrecht der Stadt für den Salmensaal lief ja 2017 aus. Auch der Stadtrat setzte sich an zwei Strategie-Sitzungen mit der «Zukunft Stadtsaal» auseinander.

Und eben – die Zeit drängte: Der Mitbenützungs- und Vorkaufsvertrag lief 2017 aus. Eine «Eventhalle Schlieren» des Generalunternehmers Halter scheiterte 2013 schon im Vorfeld. Ebenso erlitt 2016 im Gemeinderat eine Vorlage des Stadtrates Schiffbruch, bis ins Jahr 2022 den Salmen-Saal und das Restaurant in Eigenregie zu übernehmen, mit dem Ziel, ihn zu alter Blüte zurückzuführen.

Schwungvoll wurde sodann am 15. März 2017 der Verein «Pro Stadtsaal Schlieren» gegründet. Doch die Begeisterung trug nicht weit – kaum ein Jahr später wurde der Projektierungskredit (890’000 Franken) an der Urne mit 58 Prozent Nein bachab geschickt. «Eine bittere Pille», wie Finanzvorsteherin Manuela Stiefel zitiert wurde. «Das Volk bekannte sich klar und unmissverständlich gegen einen Saal.» (Ob das tatsächlich die Grundhaltung war oder ob andere Faktoren, wie etwa der hohe Betrag «nur für ein Projekt», wie es hiess, eine Rolle spielte, sei hier dahingestellt.)

Eine Stadt hat keinen Saal
Der Erfolg hat viele Väter, Misserfolg ist ein Waisenkind. Vieles trug zum Niedergang bei. Die Bedürfnisse der Vereine (z.B. an den Anlässen eigene Verpflegung anzubieten) wurden nicht mehr immer befriedigt. Wie gesagt änderten sich auch Ansprüche und Möglichkeiten der Vereine: Regelmässig eine grosse Kiste zu stemmen wie ein Jahreskonzert oder ein Turnerkränzli ist heute nicht mehr selbstverständlich. Keine Frage: Abstimmungen sind zu respektieren; die Frage eines Stadtsaales ist für absehbare Zeit vom Tisch. Dennoch stehen zwei Fragen im Raum.

Die erste ist die, ob denn eine stolze Stadt wie Schlieren (immerhin auf dem 20. Platz im schweizerischen Städteranking!) nicht ein identitätsstiftendes Zentrum braucht, einen Begegnungs- und Veranstaltungsort, einen Leuchtturm. Wenn wir mit anderen Gemeinden vergleichen (Geroldswil, Wallisellen, Niederweningen, Illnau, Ottenbach…), die auf die eine oder andere Weise eine Kulturstätte betreiben, so wird man aus hiesiger Sicht doch etwas nachdenklich.

Die zweite ist eine Frage des Umfeldes, der lokalen Verankerung. Hat der stolze «Salmen» nicht ein besseres Schicksal verdient? Ist er nicht für uns immer noch eine Art Wahrzeichen? Schlieren entwickelt sich in raschem Tempo, das Gesicht der Stadt verändert sich, solche Erkennungs- und Identifikationsecken verschwinden. Können wir uns in der Stadt, die wir bewohnen, wohlfühlen? Erkennen wir Strassenzüge, gebaute Quartiere noch als eine Art Heimat? Professorin und Architekturkritikerin Ingeborg Flagge meint: «Es gibt keine Orte ohne Geschichte. Aber viele Orte sind sich selbst heute entfremdet. Ihr Gedächtnis ist sich seiner physischen und kulturellen Werte nicht mehr bewusst.» Das mag etwas esoterisch tönen – aber schon der grosse Frank Lloyd Wright meinte: «Die Menschen beziehen Zuversicht und Nahrung aus der Atmosphäre der Dinge, in oder mit denen sie leben. Sie wurzeln darin wie eine Pflanze in ihrem Boden.» Der Verlust des Ensembles «Salmen» wöge schwer – denn ja, auch Abbruch und Neubau standen zur Debatte. Die Denkmalpflege empfiehlt denn auch, ihn als «Zeugen der städtebaulichen Entwicklung Schlierens in seinen Proportionen und äusserem Erscheinungsbild zu erhalten».

Wirt Pal Komani vor dem Pizza-Holzofen.

Zuletzt eine gute Entwicklung
Aus dieser Sicht höchst erfreulich ist, dass die Entwicklung nun in eine gute Richtung weist. Der «Salmen» ist definitiv im Steigflug. Das fängt an bei der Gartenwirtschaft – wo gibt es heute noch eine so stimmungsvolle Ecke wie diese mit den stolzen, vor etwa zwanzig Jahren gepflanzten Kastanienbäumen?

Dann ist da zum einen die Wirtefamilie Komani, welche seit nunmehr zwanzig Jahren die Geschicke des Betriebs lenkt. Pal Komani, gelernter Restaurant-Fachmann, führt den Betrieb seit einem Jahr, und das mit spürbarer Freude und Engagement. Es weht ein frischer Wind. Er sagt: «Einen Ruf aufzubauen, dauert Jahre – aber wir kämpfen darum, jeden Tag!» Die Küche ist abwechslungsreich: Von der Pizza (mit dem einzigen Pizza-Holzofen der Gegend) über den «heissen Stein», Pasta, die bekannten Cordon Bleus bis hin zu den Fisch- und Fleischgerichten gibt es alles, und zwar zu günstigen Preisen. Das Haus ist täglich geöffnet, von 8–24 Uhr.

Im Sinne dieser Kontinuität ist es höchst erfreulich, dass vor ein paar Jahren viel Geld in neue Fenster beim Saal investiert wurde – wichtig beim Thema «Nachbarschaft». Auch der Pachtvertrag ist in diesen Tagen um mehrere Jahre verlängert worden. Ein gutes Zeichen ist auch, dass der Musikverein Harmonie für seine Proben wieder zurückgekehrt ist – und sein Gala- und Familienkonzert im November 2021 hier durchführt. Auch die Kulturkommission der Stadt berücksichtigt den Saal: Am 17. Februar 2022 wird die Komödie «Der Kirschgarten» von Anton Tschechov gegeben. Erfreulich – hoffentlich gibts noch mehr davon.

Der Corona-Krise getrotzt
Zum andern ist auch die Verbindung mit der Stadt wieder auf gutem Weg. Liegenschaftenverwalter Albert Schweizer spürt den Aufwind; die neue Crew kann sich bewähren und bekommt eine Chance. Er kann den Saal jetzt auch guten Gewissens bei Anfragen empfehlen: Gute Grösse, vernünftige Konditionen. Er findet übrigens, dass die Stadt in diesem Zusammenhang gut aufgestellt sei: Salmen, Stürmeierhuus, JED und Start-up Space hätten Schlieren definitiv auf die Landkarte für Veranstaltungen aller Art gebracht. «Der Salmen bleibt aber für die nächsten Jahrzehnte für kulturelle und gesellschaftliche Events der grösste, akustisch beste und erschwinglichste Saal.»

Auf die Frage, wie sie die letzten Monate Zeiten mit der Corona-Krise überstanden hätten, antwortet Pal Komani schlicht: «Mer händ überläbt.» Wie alle Gastronomie-Betriebe litt der «Salmen», Die Betriebsschliessung während der Corona-Zeit war eine Katastrophe und der heurige Sommer ist auch nicht gerade der Umsatzrenner. Dennoch: Im Betrieb arbeiten zehn bis zwölf Leute, davon fünf aus der Familie, einige schon viele Jahre. Man sah zu, keine Mitarbeiter entlassen zu müssen und brachte sich u.a. mit Take-away über die Runden.

Der Schlieremer «Salmen» hat eine lange, stolze Geschichte. Für viele von uns ist diese Ecke (sei es als Treffpunkt für einen Trunk im Garten, eine Mahlzeit mit Freunden oder bei einem Anlass) ein markanter, liebenswerter Ort in unserer Stadt. Er trägt die Handschrift von Architekt Peter Sennhauser (1920–1972); kein Unbekannter. Schlicht und wohlproportioniert beherrscht der «Salmen» das alte Dorfzentrum, wie die Denkmalpflege schreibt. Schön, dass es aufwärts geht! 

Text und Bilder: Philipp Meier

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