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Ältere Dame erstrahlt in neuem Glanz

Das Nähhüsli

Ich habe eine gute Bekannte, eine ältere Dame mit Stil. Wenn ich ihr begegne an der Schulstrasse, wo sie vis-à-vis des Roten Schulhauses lebt, kommt es mir immer vor, als zwinkere sie mir ein bisschen spöttisch zu. Die Schliermer sagen der Dame liebevoll «Nähhüsli». (Nicht zu allem Alten sind sie so freundlich; dem ehemaligen Gemeindehaus an der Zürcherstrasse 11 sagten sie «Zwing-Uri», den Bus Nr. 31 nannten sie «Orient-Express» und der Bushaltestelle an der Ecke Badener-/Uitikonerstrasse warfen sie «Mausoleum» nach.) Über all die Jahre hat die Dame bescheiden allerlei Dienste verrichtet, war vielen nützlich, wie es die Entwicklung in unserer Stadt gerade verlangte. Wie es so ist mit älteren Personen in der Familie: Sie sind einem lieb, aber sie werden gelegentlich als selbstverständlich wahrgenommen. Dabei verdienen sie es, einmal richtig gewürdigt zu werden.

Die alte Bekannte ist also ein Haus, ein Denkmalschutzobjekt von regionaler Bedeutung. Auftraggeber war der damalige Kindergartenverein Schlieren. Gebaut wurde es vom Zürcher Architekten Arnold Huber-Sutter (1868–1948) im für ihn typischen romantischen Heimatstil. Dieser ist sichtbar u.a. an den kassettierten Dachuntersichten, den Quergiebeln und den feingliedrigen Fenstern mit Jalousieläden. Hübsch sind auch die repräsentativen Erker in den Obergeschossen und der Treppenaufgang in Form einer Eckarkade.
Huber war kein «Niemand»: Er baute u.a. auch für die Baugenossenschaft Entlisberg, Zürich; er entwarf auch das Hotel Walther in Pontresina und er besorgte den Umbau des Rathauses von Einsiedeln. Wer aber hinter dem Schlieremer Kindergartenverein stand, ist nicht mehr eruierbar; sicher ist nur, dass im Dorf irgendwo schon 1902 ein privater Kindergarten geführt wurde – grosszügig unterstützt von der Familie Geistlich. Möglicherweise gab es einen Zusammenhang mit dem damaligen (katholischen) St. Josephsheim an der Zürcherstrasse 67.

Bald wurde offenbar der Bau eines eigenen Gebäudes mit inliegender Abwartwohnung nötig. Dies wurde 1910 ermöglicht durch einen grossherzigen Beitrag von Frau Karoline Geistlich–Leuthold (1853–1928); sie übernahm einen namhaften Schuldbrief. Später, 1918, übernahm die Primarschulgemeinde Schlieren das Haus mit der Verpflichtung, «… für den geregelten Fortbestand der Kindergartenschule besorgt zu sein».

In jener Zeit war der Kindergarten keine gesetzliche Verpflichtung; der Besuch war freiwillig, und nur wenige Gemeinden führten einen solchen. Oftmals bestand örtlich ein Angebot auf religiöser Basis (in Schlieren z.B. das ehemalige Josefsheim). Dass Schlieren damals einen fortschrittlichen kommunalen Kindergarten führte, hat wohl mit der Industrialisierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu tun. Erst seit 2006 ist der Kindergarten kantonal geregelt; seitdem gehört dessen Besuch zur obligatorischen Schulpflicht.

In den vergangenen mehr als 100 Jahren diente unser Nähhüsli allen möglichen Zwecken: Natürlich dem ursprünglichen (davon zeugt auch eine wieder zum Vorschein gekommene hübsche Vignette «Kindergarten» über dem Eingangsportal). Aber es war auch Heim für die Sekundarschule, dann aber auch für die Nähschule, was den heutigen Namen erklärt. Flexibel und nahe den Schulanlagen Schul- und Grabenstrasse gelegen, beherbergte es auch den Mittagstisch und Mittagshort, die Mütterberatung, die Logopädie. Und darüber hinaus fand sich im Dachstock noch die Wohnung für die Abwartfamilien Jampen und Seiler.

Foto: Fotoarchiv Kant. Denkmalpflege Zürich

In diesem Jahr wurde das Haus – in Absprache mit der Kantonalen Denkmalpflege – einer umfassenden, sorgfältigen Renovation unterzogen. Es ist ein Bijou geworden, mit den ursprünglichen roten Läden und grünen Fenstern. Der stirnseitige Verputz wurde erneuert, die Fassade erstrahlt im alten Glanz, im Treppenhaus wurden störende Zutaten entfernt.

Das Dach (mit den hübschen Biberschwanz-Ziegeln) wurde saniert, bei den Dach-Untersichten die historischen Elemente herausgeholt. Die Fenster wurden neu gestrichen und nicht einfach ersetzt – dies aus bauphysikalischen Gründen. Das Gebäude muss atmen können. Auch die Innenräume wurden erneuert, Böden aus Linoleum verlegt, die Gasheizung ersetzt und die Infrastruktur erneuert.

Die Renovation geschah in Absprache mit der Kantonalen Denkmalpflege. Die Kosten betrugen 1,68 Millionen Franken.
100 Jahre und kein bisschen müde… Das Nähhüsli dient weiter als Kindergarten, bietet Schulzimmer und Platz für den Mittagstisch. Wir wünschen ihm weitere 100 Jahre und viele fröhliche Kinder, die hier betreut werden.

Das Nähhüsli 2016 im neuem GlanzFoto: Philip Meier

 

 

Text: Philip Meier