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«Ich bin Schweizer, zum Eidgenossen reicht es wohl nicht mehr»

Alle die mich näher kennen, wissen, dass ich mich oft in den neuen Medien aufhalte. Dort kann man immer wieder Sprüche, wie: «Ich bin Eidgenosse, Schweizer kann ja jeder werden», lesen.

Jedes Mal, wenn ich einen solchen Spruch lese, frage ich mich, was nun der Unterschied zwischen einem Schweizer und einem Eidgenossen ist.
Bin ich nun Schweizer oder Eidgenosse oder beides?

Im Internet kann nachgelesen werden: «Sehr wohl gibt es einen Unterschied zwischen Schweizer und Eidgenossen. Ein Schweizer wird bei uns ein Eingebürgerter genannt und ein Eidgenosse ist jemand in dessen Adern echtes Schweizerblut fliesst.»

Da frage ich mich, bei wem von uns echtes Schweizerblut fliesst und wie lange die Einbürgerung zurück liegen muss, damit man sich Eidgenosse nennen darf.

Im Tagesanzeiger konnte man nachlesen: «Bis vor etwa zehn Jahren galten beide Komponenten des 1848 geprägten Staatsnamens «Schweizerische Eidgenossenschaft» als Synonyme. Dies änderte sich ab Mitte der Nullerjahre des 21. Jahrhunderts, als zunächst rechtsextreme, dann immer breiter werdenden Bevölkerungskreise begannen, «Eidgenossen» nicht mehr als historische Figuren, sondern als «echte» Schweizer und Schweizerinnen zu verstehen.»

Nun, für mich als Sportler ist es klar, Schwinger, die an einem Eidgenössischen Schwingfest einen Kranz gewonnen haben, sind sicher Eidgenossen. Da habe ich wohl keine Chance mehr, Eidgenosse zu werden. Wer sonst noch? Zurückschauend auf den Rütlischwur 1291 könnte man ja auch sagen, alle, die beim Rütlischwur vertreten waren, sind Eidgenossen. Also Bürgerinnen und Bürger der Kantone Uri, Schwyz und Unterwalden. Ich bin Bürger von Zürich.

Haben wir nun in Schlieren jemanden, der sich Eidgenosse nennen darf? Unser Stadtrat Pascal Leuchtmann ist in Sarnen aufgewachsen. Also Eidgenosse? Nein, er ist Bürger von Weiach ZH. Also auch kein Eidgenosse.

Meine Recherchen haben ergeben, dass auch kein Schlieremer an einem Eidgenössischen Schwingfest sich die Auszeichnung «Eidgenosse» verdient hat. Nur der in Schlieren aufgewachsene Jodok Huber konnte am Eidgenössischen Schwingfest Frauenfeld 2010 dies erreichen. Leider wohnte er zum diesem Zeitpunkt schon in Bergdietikon. Sicher gibt es in Schlieren einige Bewohnerinnen und Bewohner, die als Bürgerort eine Gemeinde in den Urkantonen ausweisen können.

 

Aber ist das überhaupt wichtig? Ist es nicht wichtiger, wie ein Mensch ist als woher er kommt?

Ich denke schon. Wir leben hier in Schlieren auch ganz gut ohne die selbsternannten «Eidgenossen». Ich bin Stolz, schon lange in Schlieren zu wohnen und hier meinen Lebensmittelpunkt gefunden zu haben.

Wie kam es aber dazu, dass ein Stadtzürcher wie ich nach Schlieren gezogen ist. Es ist heute genau 41 Jahre her, seit sich vier junge Zürcher überlegt haben, wo sie die Erstaugustfeier besuchen wollen. Die Wahl fiel auf Schlieren. Nicht weit weg von der Stadt und sozial – Livemusik ohne Eintritt – also eine gute Wahl von uns. Zum Glück für mich war das Wetter am 1. August 1978 nicht so gut, sonst wäre meine Frau, die ich an dieser Feier kennen gelernt habe, wohl gar nicht in Schlieren geblieben. Dem Wettergott sei dank.

1982, kurz vor der Heirat mit der in Schlieren aufgewachsenen Marianne, bin ich von Zürich nach hierher gezogen. Und es gefällt mir hier.

 

Was gefällt mir in Schlieren, was könnte besser werden?

Schlieren, das nun schon um die 19‘000 Einwohner und etwa 18‘000 Arbeitsplätze hat, ist für mich ein «grosses Dorf» geblieben. Man kennt sich. Sie, die heute an der Bundestagsfeier dabei sind, sind wohl auch oft an anderen Festanlässen anzutreffen. Das ist gut so. Schön in Schlieren ist auch, dass man eine andere Meinung haben darf und trotzdem akzeptiert wird. Gerade ich als Sozialdemokrat bin politisch noch in der Minderheit. Trotzdem fühle ich mich in Schlieren geborgen.

Schön ist auch, dass wir in Schlieren die objektive und subjektive Sicherheit der Bevölkerung so verändern konnten, dass man sich ohne Bedenken auch nachts bewegen kann, ohne immer gerade Angst vor einer Straftat haben zu müssen. Dies ist für mich ein sehr wichtiger Punkt, habe ich mich doch fast mein ganzes Berufsleben mit der Sicherheit unserer Bevölkerung beschäftigt. Durch meine präventiven Tätigkeiten bei der Kantonspolizei Zürich durfte ich auch viele Kontakte zu unseren ausländischen Mitbewohner pflegen. Noch anfangs 2000 war Schlieren noch im Verruf, ein Ausländerghetto zu sein. Die Integrationsbemühungen der Stadt Schlieren zeigen aber auch da Erfolg und wir alle leben sehr gut zusammen. Dies beweisen auch die beiden letzten Schlierenfeste, die fast ohne polizeiliche Interventionen durchgeführt werden konnten.

Schlieren, da wo Zürich Zukunft hat, schaut, dass sich der Ruf der Stadt immer verbessert. In der Rangliste über die Lebensqualität Schweizer Städte liegt unsere Stadt nun schon auf dem 21. Rang, drei Ränge vor Dietikon und vor einigen auch schönen Städten wie Frauenfeld, Lugano oder Neuenburg. Dies trotz Entlastungsprogramm des Stadtrates, was mir nicht immer gefällt. Nicht gefällt mir, wenn zu Lasten von Kindern, Senioren oder sozial Schwachen gespart wird.

Weniger in Schlieren gefällt mir, dass immer mehr Vereine Mühe haben, genügend Mitglieder zu finden. Wir werden immer mehr zu Individualisten und möchten uns nicht an einen Verein, der einem auch mal zur Mithilfe bittet, binden. Das gleiche gilt bei den politischen Parteien. Auch diese kämpfen um jedes Mitglied. Ohne Mitglieder in den Parteien funktioniert aber unsere Stadt nicht. Wir brauchen gute Stadträte, gute Parlamentarier und müssen auch die übrigen Behörden, wie Schulpflege mit fähigen Leuten besetzen können. Schwache Behördenmitglieder schaden unserer Stadt.

Auch ärgert mich die tiefe Stimmbeteiligung in Schlieren.

Sie, die an dieser Feier teilnehmen, bitte ich, möglichst Leute zu motivieren, einem Verein, einer Partei beizutreten. Dabei spielt es überhaupt keine Rolle, ob diese Schweizer oder Ausländer sind.
Dafür, dass wir uns auch noch in 20 Jahren in Schlieren wohl fühlen, braucht es die Mithilfe aller. Herzlichen Dank an alle, die sich für unsere Stadt einsetzen.

Ich wünsche Ihnen weiterhin ein schönes Fest und freue mich schon heute, Sie später wieder anzutreffen, zum Beispiel am kommenden Schliere-Fäscht.

 

Walter Jucker, Parlamentspräsident Schlieren